Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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Während die Führer des Volkes in blutüberströmter Bescheidenheit 
weiter über kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen 
neue besetzte Länder, neue Versenkungen und neue Kriegserklärungen 
buchten, neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen 
Dankadressen an die Sieger zustimmten, während so das Volk zu Millionen 
im Blute ersoff, versuchten in der überreif gewordenen Zeit der Philosoph 
und seine Anhänger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigjährigen, 
die gequälten Herzen für die Idee der Freiheit und der Liebe zu öffnen. 
Versuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf 
welcher Seite im Lande der Feind, die Brutalität und die Dummheit waren. 
Das Netz maßlosen Leides und dunklen Aufruhrs lag über der Stadt. 
Erst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist 
einiger zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist, 
der den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er 
in der Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die 
Menge hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte; 
vor dem Leutnant, 
der den Befehl zum Feuern gab. 
Die Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen 
Herzen ein. 
Die Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein 
in die zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen 
schon empört, noch in der falschen Pflicht standen. 
Die vierzig- und fünfzigjährigen Landsturmmänner hatten sich ge 
weigert, ins Volk und damit sich selbst ins Herz zu schießen. 
Am andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Re 
präsentanten des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander. 
Der Wärter stand vor dem Paare. Und plötzlich rückte er die zwei 
Pritschen dicht zusammen. ,Man liebt doch die Menschen. Liebt doch 
die Menschen . . . Die armen Menschen.* 
Das Leichenschauhaus war vergrößert, die Wand, die das Zimmer 
des Wärters und das Wartezimmer für die Angehörigen abgesondert hatte, 
war herausgebrochen, der Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen 
um sechzehn Stück vermehrt worden. 
Der Bruch war, wie bei Typenmöbeln, die glatt aneinander gefügt 
werden können, nicht zu bemerken. 
Ein vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei 
alten über den zweiunddreißig Leichen.
	        

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