Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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und nur ihr Wortlaut steht zu den bürgerlichen Zielen im Gegensatz. Sie 
sind, unter dem Blick vergangener Jahre gesehen, keine Kunst. Sie sind, 
nach dieser Kunsteinstellung angeschaut: Kitsch. 
Aber mir scheint, dieser Blick aus vergangenen Jahren sieht falsch. 
Und was ist Kitsch? Das ist ein einzelner Außenfall, behandelt mit dem 
ganzen Aufwand eines Weltgeschehens. 
Wie aber, wenn es unserer Zeit nicht weiter reichte — wo es sie zu über 
zeugen gilt — als das ganze Weltgeschehen zu behandeln mit der schwachen 
Kraft des Einzelfalles! Über größere Kraft verfügt der untergangbedrohte 
Zeitgenosse heute in der Tat nicht. Darf er darum schweigen? 
Gegenüber dem Massentod jedes heutigen Tages ist jegliches Ziel 
eines vergangenen Jahrhunderts Unsinn. 
Der Wahrhaftige des Heute, der Wahrhaftige!, findet sein Schaffen 
darin, daß er durch ungeheure Bluthaufen hindurch — und selbst an ihnen 
— den Ausdruck des Menschlichen verwirklicht. Je nackter, je unmittel 
barer er das Menschliche ausspricht, um so führender ist er. Die Gesell 
schaft ist geistig zusammengebrochen. Der Ritus der bestehenden Gesell 
schaft war die Kunstform. Dieser Ritus hat keinen Sinn mehr. Und der 
einzige Vorwurf, den man den wahrhaft guten Menschen und unvoll 
kommenen Künstlern machen muß, ist, daß sie nicht völlig auf den 
Behang mit Kunst verzichten. Daß sie allzulistig, auf dem Wege über längst 
(zu anderem und roherem Inhalt) ausgeprägte Erregungsmittel ihr Neues 
und Menschen-Näheres durchsetzen wollen. Der Vorwurf geht an eine 
Kunstdiplomatie. Denn der Roman, das Gedicht, die Novelle, das Drama 
sind heute nichts mehr, das aus uns kommt. Wie wollte es in uns eingehen ? 
Das neue Gebild der kleinen, doch zukünftigen Menschheit heißt: die 
Proklamation. 
* 
Eure furchtbare Enttäuschung, ihr Freunde in den Kriegsländern — 
die ihr noch lebt—: daß die Großen und die gewaltigen Menschlichen, 
an deren geheime Existenz in verborgener Tiefe man glaubte, und die in derZeit 
der Not als blitzende Sonnenstimmen hervorbrechen würden, daß die nicht 
kamen. Sie kamen nicht, denn sie waren nicht da. Die wir für Verkünder 
der menschlichen Zukunft gehalten hatten, die waren in Wirklichkeit nur 
Spezialisten über ein geschickt ausfindig gemachtes Thema. Ihr Ziel war 
nicht Menschlichkeit, sondern das Wort, das sie über die Erregtheit der 
Menschlichkeit breit sagen konnten. Die als die großen Dichter Europas 
galten, als die Sprecher des Menschen, die waren Schwindler.
	        

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