Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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Zu unseren Lebzeiten haben wir das Auge, das den Zusammenhang 
des Geschehens auf der Erde schärfer faßte, nicht bei den Dichtern 
gesehen. Wir Nochlebende haben nicht von den Dichtern die Menschen 
stimme gehört. Sondern das Auge, das unerbittlich über die Erde sah, 
war das Auge Karl Liebknechts. Und die Stimme des Menschen stieß 
hervor aus dem Munde von Friedrich Adler. 
* 
Man darf vielleicht Völkern, in deren Lebensart man nicht völlig 
steht, und deren Sprache man nicht ganz beherrscht, wenn sie in ver 
wirrter Wanderung auf ein Ziel begriffen sind, helfen, den Weg zu be 
schleunigen. So dachte es Mazzini, obschon im Nationenbegriff befangen. 
So versuchte, mit ungestümer Unbürgerlichkeit, durch die Tat Bakunin. 
Aber falsch ist es, diese Völker von weitem zu begutachten; und läster 
lich, ihnen aus unverbindlicher Ferne Ratschläge zu erteilen. Darum 
spreche ich von dem Kreise, in dessen Atmosphäre ich aufwuchs, dessen 
Sprache die meinige ist, und dessen furchtbaren Kampf aus der Befangen 
heit hinaus zum Du, zum Andern und zum Menschen in der Welt ich 
in meiner Generation am eigenen Leibe erfahren habe. Von den Deutschen. 
Nicht, um zu tadeln oder zu loben, oder selbst irgendwie zu richten. 
Sondern von den Deutschen spreche ich, weil jeder die Änderung der 
Welt dort anzusetzen hat, wo seine Welt steht. 
Niemand hat es schwerer gehabt als die Deutschen, und niemand 
hat sich den Weg zur Menschlichkeit seit einem halben Jahrhundert 
schwerer verbaut als sie. Methoden, statt des Inhaltes; Präzision statt 
freier Gliederung; Untertanenlust statt des Geistigen: Mit dieser frei 
willigen Knechtschaft im Geiste hat jeder sich selbst geknebelt, jeder, 
freiwillig. (Und man wird mir glauben, daß solche Feststellungen nieman 
dem Freude machen!) So schwer hatten sie es. So schwer hatten wir 
alle es, die wir von diesem Gefühlskreise ausgingen. 
Die Deutschen (von denen ich doch am besten zu sagen weiß) hatten, 
heute, in ihrer fürchterlichsten Seelennot niemanden, der ihnen geholfen 
hätte. Alle ihre bekannten, großen, angesehenen oder vielleicht sogar 
geliebten Sprecher und Dichter haben sie verraten. Alle haben — wenn 
sie nicht unoffen und unentschieden die Ereignisse mit Phrasen umspielt 
haben — Machtpolitik getrieben. Und wenn man in die Schale mit den 
Namen der Fünfzigjährigen faßt — die einst als Menschlichkeitsträger 
genannt wurden — so ergreift man stets das Schild eines geistigen 
Kriegslieferanten.
	        

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