Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

102 
Regulierung der nationalen Ausdehnungsbedürfnisse auf vernünftige 
Verständigung angewiesen ist, und wie unmöglich es ist, diesen 
schwierigen Problemen mit kriegerischen Lösungen irgendwie bei* 
zukommen. Darum sind eben auch alle die auf internationale Rechts 
ordnung und Verständigung zielenden Bestrebungen unseres Zeit 
alters keineswegs bloße humane Icfeoßogis, sondern vielmehr Reflexe 
der gänzlich veränderten nationalen Lebensbedingungen/ aller 
dings sind alle diese Realitäten der modernen Zivilisation dem in 
die »historische Bildung« eingeschlossenen und für die neuen Tat 
sachen der Weltwirtschaft zugeschlossenen Stubengelehrten wohl am 
wenigsten von allen Gegenwartsmenschen zum Bewußtsein gekom 
men. Und eben hier liegt auch der tiefste Grund dafür, warum es 
Baumgarten gar nicht in den Sinn kommt, ob denn seine krasse Schei 
dung zwischen Privatleben und Völkerleben nicht vielleicht ganz künst 
lich und unnötig sei und ob die von ihm gefeierten realpolitischen 
Methoden denn der Natur der in Frage kommenden Probleme über 
haupt noch gewachsen seien? Verlangen diese Probleme nicht viel 
mehr immer dringender nach jenen allerfeinsten organisatorischen und 
sittlichen Kräften, die der Theologe auf das Privatleben beschränken 
will? Ist es nicht aber wahrhaft tragisch und nur zu bezeichnend für 
verhängnisvolle Rückständigkeit so vieler neuerer Vertreter des Chri 
stentums, daß man diese Jünger Christi heute von der Betrachtung 
des realen Menschenlebens aus wieder mühsam zum Glauben an die 
Weltbedeutung des Christentums bekehren muß? Ist es nicht z. B. 
typisch, daß seit Jahren die großen ßircßßicßen Zeitschriften in Eng 
land mit geringen Ansnahmen imperialistisch redeten, während das 
leitende IVeftßandeßsßfatt, die »Investors Review«, die reale Bedeu 
tung der christlichen Grundgedanken für Weltpolitik und Weltwirt 
schaft mit ergreifenden Argumentationen verteidigte? 
Die »nationale Ausdehnung« ist heute ein enorm komplizierter 
Lebensprozeß, der von der willigen Mithilfe der ganzen Welt abhängt, 
von einem höchst verwickelten System von Leistung und Gegen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.