Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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Häuserungetüme biegen sich und schütteln manchen Selbstmörder 
ab. Kathedrale, purzelt nach links in die Landschaft hinein. Kein Ge* 
wimmer! nur Gestank strömt auf aus den Nachtlagern zahlloser 
Lüsterner. Warum verdunkeln soviel Zeppeline den Mond? ! ! Da 
klatscht einer auf die Dächer hinab. Menschenbrei rinnt auf meinen Hut. 
Durch solche Nächte werde ich geschleift! Meine Seele umflattert 
meine Farben. Auf der Spitze des Pinsels lächelt die Seele und singt 
mit dem Wogenchoral meiner Pastosen Wälder. Hitze umbrandet 
mich,- heiße Gesänge wollen aus mir heraus/ eine furchtbare Gewalt 
rumort in meiner Brust. 
Da kommt mir ein Tag in den Sinn: September-Nachmittag, du 
warst mein! Ein Patzenhofer Wagen fuhr die milde Chaussee entlang. 
Der Diebe oben johlte mit dem Winde. Eine Sonne ohne Radau schien 
auf zaebige Vorstädte, und ich drüebte mich an Drahtzäunen hin, zag 
und Schluchzer um Kinn und Nase. 
Damals war ich ein junger Maler und arm. Meine Inbrunst zitterte 
um denMaggi-Snppentopf, und das kärglichsteMahl machte mich mut 
los, anämisch und dumm. Ich zeichnete Fabrikessen im Sonnenschein. 
Saß am Straßenrand und zeichnete auf Sechserpapier melancholischen 
Rauch, der aus Fabrikessen floß. Die Abende jahrelang in übelriechen 
den Lesehallen. Da ich mich krumm zersaß und Kunstjournale 
hastend zerfaserte, da ich bei idiotischem Lampenschein immer 
wieder dieselben Plattheiten las — — hat kein steiles, rauschvolles 
Blühen die Nächte geschwellt. Ich war verlassen, zerstoßen, geduckt 
und hoffnungslos in Hirn und Gedärm. Das kleine Tagebuch, das 
ich behutsam jeden Abend mit meinen winzigen Erlebnissen voll 
schrieb, berichtet von den verborgenen Qualen, die eine Maler-Stube 
bergen kann. Nie hatte ich Farben. Die Pfennige reichten nicht dazu. 
Mittwoch und Sonnabendnachmittag durchwanderte ich immer Stra 
ßen, die zum Wochenmarkt führten. Da fand ich Karotten, Kartoffeln 
und Früchte, die den Hausfrauen-Netzen entglitten waren, und idi 
füllte meine Taschen damit. Suchte ich fleißig, so ward mir ein reich*
	        

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