Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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In Fieber und Einsamkeit verbringe ich meine Nächte, und am 
Tage schlafe ich traumzerrissen und einsam. Der Spät-Nadhmittag 
poltert mir in das Ohr. Ich bin unglückzerfetzt und erbost über den 
grellen Tag. Meine Geliebte hat mir keinen Brief geschickt. O, wie ich 
still in mich hineinschreien und meinen Rumpf verkrampfen muß. Hast 
wieder in deiner Neurasthenie gelungert, Mädchen! Warst zu feig 
zum Schreiben?! Am liebsten würd' ich dir jetzt lauter Cynismen ins 
Gesicht spucken .... Mein Bett ist immer leer/ ich darf mich nicht mit 
fremden Leibern beschmieren, weil ich auf dich warte, ferne Quälerin. 
Es ist jetzt weißer, siedender Nachmittag mit Geschrill, Gekreisch, 
Gelächterfetzen. In der Nacht bin ich magisch oder nahe der jenseitigen 
Welt — aber Nachmittags durchrast mich ein Orkan roten Blutes. 
Raus aus den wollüstigen Betten und hinein in die erhabenen Räusche 
eines Liebesbriefs. Ich schrieb dir sonst vernünftelnde, seichte Briefe. 
Damit nun Schluß! Von nun an will ich meine Liebe dir zuschreien, 
dich feste rütteln und durch deine Sonntagslangeweile schleifen. Glaube 
ja nicht, unsre Liebe wäre ein so banales Täubchengegirr und tempe« 
ramentlose Beischläfrigkeit wie all das Erlebte deiner letzten sieben 
Jahre. Ins Bett hüpfen mit Idioten ohne Verpflichtung und Angst. Der 
reine Betthase warst du und prahltest noch mit deiner Immoralität. 
Du wirst es nicht leicht haben mit mir, und das Lotterleben einer Bo« 
hemienne wird wie eine reine Kleinbürgerei sein neben unseren fana* 
tischen Zinnober-Nächten und Ultramarinblau-Tagen. Habe ich dir 
nicht Woche für Woche seitenlange Lyrismen geschickt, Schwindel« 
bauten des Herzens, das von Blut überläuft? ! ! Nun will ich kanni 
balisch mit dir reden und wie ein Malersmann .... 
Wieder ist die Nacht. Wieder umfängt mich Palettengestank. Die 
geliebten Malbesen in den Fäusten. Hitzige Gebärden vor Leine 
wänden — so geht es Stunde um Stunde. O du aschengraues Mal 
atelier, einsames Felsgestade mit den Skeletten verspeister Bücklinge 
in den Winkeln und Gerassel der Mäusescharen! Ich trage Nacht für 
Nacht meine Inbrünste in dein Geklüfte, und du sagst nicht »Nein«
	        

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