Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

voraus und begeben sieb an ein unbändiges Errechnen und Ermessen 
ihrer einseitigen Gesichte,- jeden Ruhestörer aus Goethes Lager fertigen 
sie mit dem Titel des dilettantischen Laien ab. — Diewahre Aufklärung 
wird hier nur durch einen mathematisch gebildeten Goe- 
theaner geschehen können/ und Goethesche Mathematik ist weniger 
ein hölzernes Eisen als vielmehr das hölzerne Pferd, mit dessen Hilfe 
Goethes Griechen endlich das barbarische Troja der Optik erobern 
und die ihnen geraubte Helena der Farbenschönheit wiedergewinnen 
werden. Das ist aber unvergleichlich wichtiger als es scheint: weil diese 
optische Irrnis nur das anzeigende Symptom der gewaltigen mensch« 
liehen Verirrung auf allen Sinnes», jaDenkungs* und Gesinnungsge» 
bieten ist. 
Allenthalben wird ein ursprünglich aus der persönlichen Überfülle 
der eigenen Schöpferkraft entspringender Gegensatz entweder durch 
Vertuschung kompromittirt, oder mitten entzwei gerissen / aus all diesem 
Gebahrenresultirt ein absurder Anblick nicht nur des Lebens, sondern 
schließlich und erstlich schon das zerquetschteste oder verzerrteste 
Leben selber. Gerade das Allerwesentlichste, auf das es überall zu« 
erst und zuletzt ankommt, das persönlich Schöpferische, wird in der 
Welt, in der Differenz seiner selbst, verkannt, indem man diese Welt« 
Differenz, diese Polarisation seines immens Identischen, seine eigene 
Selbstentzweiungaus Überschwang entweder kraß verzerrt und 
zerreißt oder plump zusammenquetscht und uniformiert. Man läßt sich 
den Gedanken gar nicht beikommen, daß nur das persönliche Nichts 
aller Differenz allein geeignet sei, sie zu lösen und zu binden — weil 
man ungeheuer viel zu sinnlich auch noch im Geistigen ist, um 
sich auch nur träumen zu lassen, daß gerade das bare und pure Dif* 
ferenz»Nichts der Schöpfer aller Welt»Differenz sein sollte,- und 
man erkennt daher nicht einmal diesen Differenzcharakter der 
Welt, diesen ihren Zank um ihrer eigenen überreichen Identität wil« 
len an, sondern treibt, in flach einseitiger, einsinniger Prozeßrichtung, 
etwa Entwicklungs»Monismen und dergleichen.
	        
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