Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

126 
Vorträge »Über Verfassungswesen« und »Was nun?«, In deren 
zweitem er den parlamentarischen Streik empfiehlt als revolutionär 
wirkendes Mittel die preußische Regierung zum Nachgeben zu zwingen. 
Er führt aus, daß sein Mittel, wenn die Regierung nicht nachgäbe, 
unter Umständen Preußen in eine außerordentlich prekäre Lage 
bringen und es in seiner ganzen Politik nach außen hin außerordentlich 
schwächen würde. 
Sehr bezeichnend ist folgende Stelle aus »Was tun?«, wo er diesen 
Gedanken entwickelt: 
»Sagen Sie sich hiernach, wie unmöglich es wäre, daß grade Preußen, 
grade Preußen allein in dem ganzen Europa, Preußen grade bei seinem 
kräftigen ßürgerstand, ohne konstitutionelle Form existierte! Bedenken Sie 
ferner, wie schwach die preußische Regierung nach außen, wie unmöglich 
und unhaltbar ihre auswärtige diplomatische Stellung wäre, wie sie sich bei 
jeder Verwicklung die übermütigsten und unerträglichsten Fußtritte von 
seiten der andern Regierungen gefallen lassen müßte, wenn sie in diesem 
offen erklärten und permanenten Widerspruch mit ihrem eigenen Volke stände 
und also ihre Schwäche vor niemandem mehr verbergen könnte. 
Daß keiner von Ihnen, meine Herren, glaube, dies sei ein unpatriotisches 
Räsonnement. Einmal hat der Politiker, wie der Naturforscher alles zu be~ 
trachten, was ist, und also alle wirkenden Kräfte in Erwägung zu ziehen. 
Der Antagonismus der Staaten untereinander, der Gegensatz, die Eifersucht, 
der Konflikt in den diplomatischen Beziehungen ist einmal eine wirkende 
Kraft und gleichviel, ob gut oder schlimm, müßte sie hiernach schon unbedingt 
in Rechnung gezogen werden. Überdies aber, meine Herren, wie oft habe 
ich Gelegenheit gehabt, in der Stille meines Zimmers bei historischen Studien 
mir die große Wahrheit auf das genaueste zu vergegenwärtigen, daß fast 
gar nicht abzusehen wäre, auf welcher Stufe der Barbarei wir, und die Welt 
im allgemeinen, noch stehen würden, wenn nicht seit je die Eifersucht und 
der Gegensatz der Regierungen untereinander ein wirksames Mittel gewesen 
wäre, die Regierung zu Fortschritten im Innern zu zwingen! Endlich aber, 
meine Herren, ist die Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, 
daß bei ihnen eine Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für 
die Existenz der Nation in sich schlösse. Wenn Sie, meine Herren, die Ge= 
sdiichte genau und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, 
daß die Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.