Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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zu geben), ein Unvernünftiges, Überlebendiges leugnet die Vergäng- 
lichkeit. Wir können nicht richten, nicht lösen die unendlichen Wider 
sprüche begrenzter Erkenntnis. Unsre Kraft ist: Diener zu sein unsrem 
Willen, Kämpfer zu sein dem Geist gegen die todverkündende Leib- 
lichkeit. 
Ihr letzten der Menschheit, die Menschheit will sterben, nicht ver- 
enden. 
Darum fordere ich, der Älteste, euch auf: ein jeder zeichne mit 
seinem Namen und eigner Hand diese Denkschrift: 
Wir, letzte Sprossen des Menschengeschlechts, fassen nicht, ob 
mit unserm Leben der Sinn der Erde erlöschen wird. Unser Ewig- 
keitswille heißt uns leben und sterben, das Nichts verneinend. Ihm 
gerecht zu werden, verpflichten wir uns durch Namensunterschrift. 
Wir wollen unsre Lebensweise nicht beeinflussen lassen durch das 
Wissen von der Nähe des Zeitpunkts, da die Menschheit aussterben 
wird. Der jeweils Älteste bleibt das Haupt unsrer Gemeinschaft. Jede 
menschliche Leiche, außer der letzten, wird in bisheriger Weise ver- 
brannt und bestattet. 
Der letzte Mensch wird sich selbst eine Urne setzen um sein ab 
geschnittenes Haupthaar darin zu bergen, und wird, solange seine Kräfte 
es zulassen, den Kalender und ein auf Pergament zu schreibendes 
Tagebuch führen, die dem Archiv einzuverleiben sind. Endlich soll er 
Sorge tragen, daß er in geschlossenem Raume stirbt, geschützt vor 
Einflüssen der Witterung und Tierwelt.« 
Die Denkschrift wurde von allen Menschen ohne Einwand unter 
zeichnet,- ihr Leben lief weiter, reibungslos wie bisher. 
Der letzte Mensch trat zur Leiche, die er verbrennen sollte, mit 
gesträubten Blidcen, wie zu etwas Neugeborenem. In den dünnsten 
Verästelungen der geronnenen Adern des Toten stieß er auf sich, 
fing an zu bauen, fand aber nirgends Grund. Auf- und abschreitend 
verlor ersieh wieder. Wieso er nachher auf der Straße ging, bemühte er
	        
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