Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

herzogtum, wornach keiner gewählt werden kann, der nicht hoch*- 
begütert ist, wie rechtschaffen und gutgesinnt er auch sei, wohl aber 
der Grolmann, der euch um die zwei Millionen bestehlen wollte. 
Denkt an die Verfassung des Großherzogtums. — Nach den Artikeln 
derselben ist der Großherzog unverletzlich, heilig und unverantwort- 
lieh. Seine Würde ist erblich in seiner Familie, er hat das Redit, Krieg 
zu führen, und ausschließliche Verfügung über das Militär. Er beruft 
die Landstände, vertagt sie oder löst sie auf. Die Stände dürfen keinen 
Gesetzes Vorschlag machen, sondern sie müssen um das Gesetz bitten, 
und dem Gutdünken des Fürsten bleibt es unbedingt überlassen, es 
zu geben oder zu verweigern. Er bleibt im Besitz einer fast un« 
umschränkten Gewalt, nur darf er keine neuen Gesetze machen und 
keine neuen Steuern ausschreiben ohne Zustimmung der Stände. Aber 
teils kehrt er sich nicht an diese Zustimmung, teils genügen ihm die 
alten Gesetze, die das Werk der Fürstengewalt sind, und er bedarf 
darum keiner neuen Gesetze. Eine solche Verfassung ist ein elend 
jämmerlich Ding. Was ist von Ständen zu erwarten, die an eine solche 
Verfassung gebunden sind? Wenn unter den Gewählten auch keine 
Volksverräter und feige Memmen wären, wenn sie aus lauter ent- 
schlossenen Volksfreunden bestünden?! Was ist von Ständen zu er® 
warten, die kaum die elenden Fetzen einer armseligen Verfassung zu 
verteidigen vermögen! — Der einzige Widerstand, den sie zu leisten 
vermochten, war die Verweigerung der zwei Millionen Gulden, die 
sich der Großherzog von dem überschuldeten Volke wollte schenken 
lassen zur Bezahlung seiner Schulden. —■ Hätten aber auch die Land 
stände des Großherzogtums genügende Rechte, und hätte das Groß« 
herzogtum, aber nur das Großherzogtum allein, eine wahrhafte Ver» 
fassung, so würde die Herrlichkeit doch bald zu Ende sein. Die Raub 
geier in Wien und Berlin würden ihre Henkerskrallen ausstrecken und 
die kleine Freiheit mit Rumpf und Stumpf ausrotten. Das ganze 
deutsche Volk muß sich die Freiheit erringen. Und diese Zeit, ge 
liebte Mitbürger, ist nicht ferne. — Der Herr hat das schöne deutsdie 
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