Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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schnitt er ihr aus Papier den goldenen Gürtel, wie er von den Hüften 
der Prinzessin fiel. Wenn sie über ihrem langen Hemddien den Gürtel 
hatte, hieß sie Beatrix. Ob sie ihn überzeugte? Ob er es entdeckte? 
Ihr eigentlidher Name und ihr Wesen, das nur er sah, waren Beatrix. 
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Ihm blieb nichts übrig, als ihr die Rechte zu erobern, die ihr natürlich 
waren. 
Aber noch wollte sie nichts/ sie lächelte schwach und wegwerfend 
zu seinen Versprechungen von Kleidern und Schmuck, für künftig, 
wenn sie reicht sein würden, wenn seine Ersparnisse den Nutzen ge* 
tragen haben würden, auf den er sann. Es kam unbemerkt, sie war 
damals zwanzig, — und als er es dann doch sah, wie gern sie jetzt 
ihren bescheidenen Tand trug, begriff er noch immer nicht, daß etwas 
vorging. Ihre Kopfhaltung machte ihn aufmerksam, das freiere Auf* 
treten, die erwachte Anmut, und dann dies Lädieln, das stolz einlud: 
Sieh doch! Was er aber sah, ward dem Bruder nicht früher klar, als 
bis er Fremde es nennen hörte. Sie sagten: »Die Anne Scheibel ist 
aber schön geworden.« Er hörte es und ward von einer solchen Freude 
erfaßt, daß er in der winterlichen Straße plötzlich eine laue Luft spürte 
und Rosen roch. Beim Betreten des Hauses fand er endlich Worte. 
»Jetzt haben sie es heraus!« sagte er. Jetzt sahen alle ihre wahre 
Natur, und nicht mehr nur für ihn war sie eine Prinzessin. Freilich 
verlor er dadurch einen Vorzug und einen großen geheimen Stolz. 
Ihr aber tat die Bestätigung so wohl! Unter den Blicken, die sie be* 
wunderten, entfaltete ihre Schönheit sich, ihm schien, ins Ungemes* 
sene. Ihn blendete sie nur noch. Hiervon hatte er trotz allem keinen 
Begriff gehabt: ein Gesicht, so klar, als sei es Fleisch gewordener 
Edelstein! Und aufgeblüht das Gold der Haare, in den herangereiften 
Gliedern irgendein ungeahnter Saft, — die Hand aber, man konnte 
sie unmöglich noch nehmen ohne Demut, sie konnte sie unmöglich 
anders geben, als mit Herablassung. Sie spürte es selbst, denn sie 
lachte manchmal auf dabei, übermütig und wie zum Spott auf ihn und 
sich, weil alles sich nun auf diese theatralische Art gewendet hatte.
	        

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