Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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Er kannte den Mann — hatte ihn nie mit ihr gesehen, war ihm un« 
bekannt, und stand doch unter einem Haustor, um ihm entgegenzu« 
blicken, der Gestalt des Schicksals, um ihm nachzublicken, dem Gang 
des Schicksals, unerbittlich wie es ging, und ganz fremd. Einmal aber 
verließ er das Geschäft zu einer ungewohnten Zeit, ein hohes Fieber 
nötigte ihn/ und zu Haus nahm er wahr, sie waren da. Er stand, 
atmete nicht und hörte. Ein entzückter Klang drang hervor, und ja, 
dieser Klang: Beatrix. Da ging er fort, fiebernd, aber seine schnellen 
Pulse klopften wie ein Glück — ein Glück, sei es wie immer. Sie hatte 
von dem, den sie liebte, genannt werden wollen wie von ihm! Wenn 
sie sich von Liebe verklärt fühlte, ging sie in das Märchenwesen ein, 
das sein, sein war. Er fühlte; Meine Schwester! 
Tage zogen vorbei, da sie ihn wohl ganz vergessen hatte, und 
Tage, an denen sie ihn nicht fortlassen wollte,- aber er wußte, wann 
es aus Güte und ruhigem Sinn kam, und wann er sie retten sollte. 
Er rettete sie nie,- sie mußte allein an sich tragen, er konnte ihr nur, 
stumm und treu wie ein Hund, bedeuten, daß er Bescheid wisse um 
ihre gekrampften Mienen, die Trennung hießen, bevorstehender Zu*> 
sammenbruch, Angst des Endes, um ihr Umherirren und Seufzen, 
worin schon neue Hoffnungen sich meldeten, ein anderer Mann, und 
wieder Leichtsinn und wieder Schmerz, Ihm schien die Zeit stillzu^ 
stehen, in allem Hin und Her, das nur ablief und zu nichts führte, 
und dem er beiwohnte in immer gleicher Demut und Ergriffenheit. 
Dennoch erschien ein Abend — sie hatte ihn nicht fortgehen lassen 
und war selbst nicht vorbereitet zum Ausgehen, setzte sich hin bei 
ihm, fand keine Ruhe, hatte schon ihr Zimmer aufgesucht und kam 
noch zurück. Er sah auf, erstaunt wie von jeher, wenn die Gunst 
des Augenblicks ihm ihren Anblick schenkte. In ihrem Gesicht aber 
entstand nichts von der kleinen Freude, die sein Staunen sonst ihr 
schenkte. Seltsam, sie hatte ein Gesicht, als sähe sie, nun sie zu ihm 
sprach, nicht sich, sondern wie vor Zeiten, wirklich ihn. Sie sagte; 
»Hast du denn eigentlich nie daran gedacht, zu heiraten?« Er be*
	        

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