Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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tionen bewahren diesen konkreten Charakter. Auch wenn er das 
Unsagbare sagen will, und wenn er sagen, fast stammeln will, daß es 
unsäglich ist, schreit er wie aus tiefster Besinnung zum Beginn des 
Gedichts etwa auf: 
Das da ist in mir - ich weiß nicht, was es ist - doch i<d) weiß, es ist in mir 
und schafft uns dadurch sofort die Stimmung des leibhaftigen Erlebens. 
Daß übrigens die konkrete Aufzählung einzelner Wirklichkeiten, 
die zu einem Ganzen gehören, selbst ohne Ausdruck der Empfindung 
des Miterlebenden, wenn die angeführten Tatsächlichkeiten nur von 
starker Sinnfälligkeit erfüllt sind, wie ein Gedicht wirken kann, möchte 
ich an einem Beispiel zeigen, mit dem ich schon ab und zu Freunde 
hineingelegt habe. Wie mancher möchte das folgende für ein Gedicht 
Whitmans halten, das etwa den Titel »Nacht im Feldlager« führen 
könnte: 
Werda! der Schifdwache vorm Zeft. 
Werda! der Infanterieposten. 
Werda ! wenn die Runde kam. 
Hin” und Wiedergehen der Schifdwache. 
Geklapper des Säbels auf dem Sporn. 
Beden der Hunde fern. 
Knurren der Hunde nabe. 
Kräben der Häbne. 
Scharren der Pferde. 
Schnauben der Pferde. 
Häckerfingscbneiden. 
Singen, Diskurrieren und Zanken der Leute. 
Kanonendonner. 
Brüden des Rindviehs. 
Schreien der MauCesef. 
So, in scheinbare Verse abgeteilt findet sich das bei Goethe. Sind aber 
keine Verse, sondern ein Versuch, bei Gelegenheit der Belagerung 
von Mainz, »die mannigfaltigen fern und nah erregten Töne« »genau 
zu unterscheiden« und aufzuzeichnen. Ich kenne manches »impres* 
sionistische« »Gedicht« manches Modernen, das schlechter ist als 
dieser Tönekatalog Goethes.
	        

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