Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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Eure Todesangst, welche viel lieber Lebensangst heißen sollte, ist der» 
maßen Fleisch und Blut in euch geworden, daß sie euch einen wahren 
Albdruck bereitet, so daß ihr eine Irrealität pathologisch vor Augen seht, 
Zerrbilder der allein echten Seligkeit, als da sind: Unmeinige, Schüsse, 
Oberstleutnants, Irrenhäuser, Kanonen, Wunden und Leichenfelder. 
Aber mein lieber Hastenpiep, du hast doch selber das Eiserne! Du 
hast ein Buch über den Krieg geschrieben, das der Kultusminister heute 
in allen Schulen lesen läßt. Mensch, besinne dich! Der Weltkrieg ist doch 
jetzt gerade im allerbesten Gang. Stimm an, stimm an den Sterbe» 
gesang, denn schon verbreitet der Serbe Gestank/ und mit den er* 
schlagnen Rumänen füttern wir unsre Muränen. Und du allein weigerst 
dich, mit offenen Augen hinzusehen, und wirfst uns Augenschließen 
vor. Wenn ich deine wahre Gesinnung nicht kännte, würde ich glauben, 
du simuliertest. 
Hastenpiep sah mich an: Mynona, nicht die Sinne nehmen wahr, 
sondern der Geist/ sowie auch nicht der Leib handelt, sondern der 
Geist,- der Leib istnur Werkzeug. Aber der Geist ist nicht der »Genius 
des Krieges«, wie ihn der Mund des Volkes nennt/ sondern des Frie» 
dens, und Sinne und Leib sind gelehrige, aber widerspenstige Schüler 
dieses Geistes. Ihr habt so gut wie geistlose Sinne. Daher nehmt ihr 
eine Menge Unsinn wahr. Eure Wahrnehmung ist Falschnehmung. 
Denke dir nun, daß du plötzlich — Mynona, ich kann Verständnis* 
inniger mit dir reden als mit diesem Direktor, der mich von Amts wegen 
für einen Idioten hält. Mynona, der Geist, der Geist des Friedens, hat 
mich vermittelst eines Knalles <er hat'n Knall, murmelte der Direktor), 
eines Schusses so ergriffen, daß meine Wahrnehmung endlich echt ge» 
worden ist, und daß ich zugleich die Abweichungen eurer falschen von 
meiner echten objektiv konstatiere. Mit euch ist es nicht richtig, weil 
ihr eigentlich noch geistlose, trübe Sinne habt, Wolken, durch welche 
die Sonne Frieden nicht hindurchdringen und euch die Welt in klarem 
Lichte zeigen kann. Ihr seht dort den Weltkrieg, wo ich die Gefilde 
der Seligen wahrnehme.
	        
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