Full text: Die Bücherkiste : Monatsschrift für Literatur, Graphik und Buchbesprechung (2 (1920/1921), 5/6)

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Oscar Maria Graf/Gegen den Dichter von heute 
Das, was nottut, ist eine kommende Vitalität. Nicht daß etwa 
damit gesagt werden soll (was so leicht ist): Der schlichte „teutsche“ 
Naturbursche entspreche dem Bilde unserer Sehnsucht. 
Es ist notwendig, daß der Mensch von heute mit anderen Aus 
maßen an das Leben herangeht, daß er die unbezwingbar scheinende 
Gewalt der mechanisch-merkantilistischen Lebens-Vielfalt in seine schwin 
gende Seele nimmt und als gestählter Weiser das neue Wort, die hero 
ische Abenteurergröße des Ganz-Demütigen, erreicht. — 
Es ist ja so banal, mit seinem vereinzelten Menschsein zu protzen! 
Und wer täte es nicht in dieser unserer Episoden-Zeit! 
Darum ging Vitalität verloren, Vitalität des Bejahenden um des 
Wachsens willen. Nur dieser Weg führt zur Sachlichkeit, die heute 
notwendig ist in allem, heiße es sich nun Kunst, Politik, Kritik oder 
sonstwie. 
Man komme nicht immer und immer wieder, wieder und wiederum 
mit Psychologie, mit Aufdecken usw. Man täusche nicht Inhalte vor. 
In einer Erzählung wird die Jugend des Helden erzählt, und man 
weiß schon: So und so kann es werden, wird es sogar ganz sicher 
nach solchen Voraussetzungen. 
Man erzähle mir Unvorhergesehenes, Gewaltsames! 
Es gibt in der Welt nichts — o, wie sie sich davor fürchten! —, 
was einen ordentlichen Ablauf hat. 
Darum wird es gut sein, wenn man endlich wieder zum sachlichen 
Bericht in geregelter Folge übergeht. (Erläuterungen irgendwelcher 
Natur überlasse man den Herren, die sowas aus dem FF können, etwa 
Verteidigern, Professoren oder ethischen Literaturfritzen). 
Besser auf zehn Seiten fünfzig Morde, als psychologische Auf 
klärung. 
Es hat eine neue Epidemie Wege ins Literarische gefunden: Die 
Propaganda der Idee! 
Wisse man doch, daß es allemal ein Schwindel ist, mit vorge 
faßtem Entschluß auf Verkündigung hinzuarbeiten. (Sowas gehört dem 
Reporter oder dem Flugblattschreiber! Nicht aber dem Dichter!) 
Es wird zuviel am Schreibtisch geschrieben. Man lasse die Le 
bendigen reden und erzählen, nicht die Prediger. (0, wie sich das 
Pack an der Predigergeste geübt hat! Alles findet da Form und „Ge 
staltung").
	        
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