Full text: Die Bücherkiste : Monatsschrift für Literatur, Graphik und Buchbesprechung (2 (1920/1921), 5/6)

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Ich dachte auch an . . . ach, Gemeinheit . . . nichts, nichts . . . 
Schweigen. 
5. Dezember 
Heute habe ich den ganzen Morgen Zeitungen gelesen. In Spanien 
gehen ja seltsame Dinge vor. Ich habe sogar nicht einmal alles ver 
standen. Es heißt, der Thron sei frei geworden, die Stände wären um 
einen Nachfolger in Verlegenheit, und daß daher ein Aufruhr entstanden 
wäre. 
Mir erscheint das alles recht seltsam. Wie kann denn der Thron 
frei werden? Es heißt, eine Donna soll ihn besteigen. Das kann doch 
nicht gut sein. Auf den Thron gehört doch ein König. Man sagt, es 
sei kein König da. Das ist doch unmöglich, daß kein König da ist. 
Ein Reich kann doch nicht ohne König sein. 
Ein König ist gewiß da, nur befindet er sich wahrscheinlich noch 
irgendwo im Verborgenen. Vielleicht befindet er sich sogar an Ort 
und Stelle, und nur irgendwelche Familienrücksichten oder auch Be 
fürchtung wegen der Nachbarmächte bestimmen ihn, sich zu verstecken. 
Vielleicht liegen natürlich auch andere Gründe vor. 
Den 25sten 
Heute kam der Großinquisitor wieder in mein Zimmer; aber ich 
versteckte mich, als ich von fern seine Schritte vernahm, unter einen 
Stuhl. Da er mich nicht sah, begann er zu rufen. Zuerst schrie er: 
„Poprischtschin“. 
Ich antwortete nicht. 
Dann: „Axerti Iwanowitsch! Titularrat! Edelmann!“ 
Ich schwieg immer noch. 
„Ferdinand VIII., König von Spanien!“ 
Schon wollte ich den Kopf herausstecken, aber ich besann mich 
noch zur rechten Zeit und dachte: „Nein, Bruder, mich wirst du nicht 
betrügen. Ich kenne dich schon: du willst mir wieder kaltes Wasser 
auf den Kopf gießen." 
Doch schließlich erblickte er mich doch und trieb mich mit dem 
Stock unter dem Stuhl hervor. Der verdammte Stock schlägt recht 
empfindlich. 
Meine heutige Entdeckung entschädigte mich jedoch dafür: ich 
bin dahinter gekommen, daß jeder Hahn sein Spanien hat, das sich 
unter den Federn am Schwänze befindet. 
Der Großinquisitor verließ mich zornig und drohte mir mit irgend 
einer Strafe. Doch ich verachte seine ohnmächtige Bosheit, weil ich 
weiß, daß er nur wie eine Maschine als Waffe des Engländers wirkt.
	        
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