Full text: Veröffentlichung der November Gruppe (1(1921))

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der französischen Seele. Man will auch in Frankreich nichts davon wissen. Es ist 
i'arf boche und wird nur in Deutschland aufgenommen. Niemals ist der Franzose vom 
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Sinneseindruck der äusseren Erscheinung losgekommen. Wo sind in Frankreich die 
absoluten Gestaltungen einer eigenen vom Äusseren unabhängigen Wirksamkeit? 
Erstaunt sehen wir in dem erwähnten Buch Graufoff's das, was als französische 
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Malerei seit 1914 wiedergegeben wird. Es sind die Werke einer längst anerkannten 
Epoche, die uns nichts Neues sagen können. Andere Veröffentlichungen bestätigen diesen 
Eindruck (so Paul Wesfheim’s „Kunstblatt", April 1921). Verständnislos steht der Franzose 
heute dem Werden der jüngsten bildenden Kunst in den ihm östlich benachbarten Ländern 
gegenüber. Ihn, wie den Italiener, belastet schwer die Tradition. Nach einem miss 
glückten Befreiungsversuch kapituliert er jetzt vor dein Klassizismus. Auch Picasso, 
der vor Jahren mit Ingres begann, kehrt in seniler Schwäche gelegentlich zu ihm 
zurück. — In England ist völliger Stillstand. Vielleicht wittert der Engländer in der 
schnellen Entwicklung der modernen Kunst eine ungesunde Spekulation und zieht als 
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vorsichtiger Kaufmann das sichere Geschäft vor, eine anerkannte Vergangenheit aus 
zuwerten. 
Russland und die anderen slavischen Länder gaben für die moderne Kunst die 
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lebendigsten Kräfte her. Zumal Russland, von der jahrhunderte langen Behinderung 
befreit, konnte zu reicher Entfaltung seiner Fähigkeiten gelangen, überall in Europa 
tauchten junge russische Künstler als die fortschrittlichsten und bedeutendsten Talente 
auf; so neben anderen Chagall und Archipenko in Paris, Kandinski in Deutschland. 
Kandinski zog den gewaltigen Trennungsstrich, der ihn ausserhalb aller überlieferten 
Kunstanschauung stellte. Er löste sich zuerst am konsequentesten vom Gegenständ 
lichen und trat in das weife Gebiet der rein abstrakten Malerei. Heute marschiert 
Russland vorweg. In grosser Regsamkeit verfolgt der russische Geist jede neue Idee 
und Gesfalfungsmöglichkeif. Suchen und Experimentieren führen ihn zu immer neuen 
bemerkenswerten Ergebnissen. — In Deutschland und den nordischen Ländern fiel die 
neue geistige Phase der bildenden Kunst auf den fruchtbarsten Boden. Die Befreiung 
der Malerei von der Tyrannei der sinnlichen Erscheinung kam der tiefgrüblerischen 
deutschen Eigenart entgegen. Kandinski's Tat erschloj3 ihr ungeahnte Möglichkeiten 
zur [schöpferischen Betätigung. Die wohl impressionistischen, aber doch schon 
von inneren Gesichten erfüllten Malereien des Norwegers Munch hatten vor bald 
30 Jahren schon in Deutschland eine seltsame Erregung hervorgerufen. Aber das 
ganze Aufgebot der damals schon auf Frankreich eingestellten Kunstliteraten und 
Kunsthändler korrigierte diese Regungen. Der deutsche Künstler orientierte sich nach 
dem Westen und holte umständlich die impressionistische Epoche nach. Aber leise 
klang das Erlebnis Munch in der deutschen Seele nach. Schon vor dem Kriege wurde 
der französische Vorsprung eingeholf. Aber erst dip tatsächliche vollkommene Ab- 
gesdilossenheif während des Krieges zwang den deutschen Künstler aus eigener 
Quelle zu schöpfen. So fand er sich zu seiner eigenen Art zurück. Losgelöst von der 
französischen Vormundschaft konnte er jetzt unbehindert zur vollen Entfaltung seiner 
schöpferischen Kräfte gelangen. In unaufhaltsamer Entwicklung vorwärfsschreifend 
machte er die neue abstrakte Kunst zu seiner ausschliesslichen Angelegenheit und 
liess den Franzosen weit hinter sich zurück. Von allen Völkern sind es nur die öst 
lichen, von denen Deutschland gegenwärtig noch eine Bereicherung erwarten kann. 
Nicht nur die Malerei, auch Plastik und Architektur wurden in Deutschland in neue 
Bahnen gelenkt. Auch darin versagte Frankreich. — Graufoff stellt höhnisch das 
nebelige Deutschland in Gegensatz zum sonnigen Frankreich. Sonne und Nebel sind 
wohl keine Gradmesser für Kunst. Die Mentalität eines Landes ist aber von eben 
solcher Bedeutung für seine Gesamfkunsf, wie für das einzelne Kunstwerk der Charakter
	        

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