Volltext: Veröffentlichung der November Gruppe (1(1921))

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Aphorismen 
Jede Fortnwerdung kosmischer Schwingungen, jede 
Vergegenständlichung einer Wesenheit, Verdichtung zum 
Körperlichgreifbaren ist Übergang, jede Konstanz nur 
scheinbar und der Gegenstandswert von Wesenswert ab 
hängig, nicht umgekehrt. — Ich sehe gleichzeitig einen 
Ammoniten und eine Tänzerin. In beiden Fällen Bewegung. 
In beiden Fällen ins Unbegrenzte fortschwingend, nur 
dass dort infolge der Erstarrung der Bewegung der Gegen 
standswert, der Schwerpunkt unser Erleben belastet, hier 
hingegen der Wesenswert durch die sichtbaren 
Schwingungswellen noch verdeutlicht und gleichzeitig 
verklärt wird. — Wenn man bedenkt, dass vor zehn 
Millionen Jahren der versunkene Erdteil Lemurien, dessen 
Rest das heutige Australien ist, von Menschen bewohnt 
wurde, deren Entwickung zuvor nochmals tausend 
Millionen Jahre brauchte, um in Schwingungen aus zwei 
dimensionalen Schatten- und Schleierwesen zu dem zu 
werden, was sie waren, so wird man die uns kaum in 
Jahreszählung nennbare Zeit ahnen, die von der Bildung 
jener Ammoniten bis zur Geburt dieser Tänzerin nötig 
war und wie viele Myriaden Schwerpunktenergien jeder 
Schwingung nötig sind, um aus dem All die Stoffe zu 
erfassen, die ein Erleben der Inkarnation selbst, also das 
Erleben einer Tänzerin braucht. Und wieviel sensible 
und sensitive Wachheiten eine Tänzerin aufbringen muss, 
um die Beziehung zwischen den aufnehmenden Tastnerven 
und den durch Licht- oder Tonwellen (was im Absoluten 
dasselbe ist) zu vermittelten, beständig aus dem Kosmos 
auf alles Körperliche, sogenannte Konstante ein 
strömenden Schwingungswellen herzustellen. 
Es ist bezeichnend für unsere europäische Welt- und 
Lebenserfassung, dass selbst die geistig regesten Menschen, 
die Erfinder, nie bis zur letzten Tiefe ihrer eigenen Er 
findung Vordringen. So hat Mälzel, der Erfinder des 
Metronompendels, nie selbst entdeckt, dass er dadurch 
auf bewusst physikalischem Wege das musikalische Zeit 
gesetz dem kosmischen eingeordnet hat. Mälzel ging 
von der Uhr aus und stellte seinen Taktmesser in Ab 
hängigkeit von der Uhr, dachte aber, von dieser Erfindung 
gebannt, gar nicht mehr daran, dass die Uhr nach dem 
Tag, der Umdrehung der Erde um die Sonne, dass die 
Sonne vom Gesetz einer höheren Zentralsonne abhängt, 
und so weiter bis in die letzte unausdenkbare Gestirn 
dynamik, bis zum Perpetuum mobile des Alls. — Doch 
nur in diesem Vordringen bis zur letzten Tiefe ist unsere 
Betrachtung aller Erscheinungen als tänzerische, das heisst 
kosmische möglich, in dem wir den Gegenstand eines 
organischen oder (auch dies ist im Letzten wieder organisch) 
an-organischen Seins als Wandlung schauen, also seinen 
Gegenstand dem Wesenswert so einordnen, wie eine 
augenblickliche, vieles zusammenfassende Impression in 
einem großen Schicksal ist, oder wie ein einzelnes Bild 
in einem Hunderttausendmeterfilm. 
Dem Europäertyp, dessen bezeichnendstes Erzeugnis 
das Museum ist, wird es selbstverständlich sehr schwer 
fallen, etwas nicht gegenständlich sondern wesentlich zu 
sehen. Aber will man über den Tanz etwas aussagen, 
so muss man eben, da es im Prinzip nicht auf den 
Körper ankommt, sondern dieser nur Mittel ist, einmal 
uneuropäisch kosmisch sehen. Oder man kommt dazu, 
wie leider auch PaulNikolaus, lediglich über „Tänzerinnen“ 
zu schreiben, dessen Arbeit denn auch mit dem Satz 
enden muss: „die Tragik der Tanzkunst ist, dass sie 
keine bleibenden Werte hinterlassen kann“. Als ob nicht 
gerade dies den Tanz über jene Künste stellte, die 
„bleibende Werte“ das heisst also: Gegenstandswerte 
hinterlassen, denn die wirklich bleibenden Werte sind 
innerlich-seelisch-geistige, sind Werte des Allerlebens. 
Doch das sei nur ein Beispiel dafür, wie hilflos wir 
heutigen „europäisch Kultivierten“ ohne das Gegenständ 
liche geworden sind und wie der Geist dieses müden 
Europas anstatt wie jener aus Zeiten schöpferischer 
Kulturen durch Farbe und Stein oder durch den Körper 
gar neue Wunder zu schaffen, lediglich alles Lebendige 
tot nachzubilden sucht und die rasende Bewegung der 
Natur (etwa einer Wolke, eines Volges, einer Tänzerin) 
„festhalten“ will. Dieser Geist kann natürlich den Tanz 
nur als Ausdruck des Körpers, nicht des Kosmos, ver 
stehen und wird bemüht sein, möglichst bald auch den 
Körper einer Anita Berber in einem Museum unterzubringen, 
„zu ästhetischen Studienzwecken“, eine Sphinx, von der 
nur noch die Sage erzählt, dass sie der Erotik, der Kunst» 
dem Religiösen diente, Tänzerin war, unter dem Einfluss 
kosmischer Schwingungen stand und tausend Menschen 
die Rätsel der Überwelt ahnen und Hunderttausende mit- 
schwingen Hess im Rythmus des Alls. 
Aber — sei es auch im Museum — das Wesentliche 
des Lebens schwingt über alle Beschränkungen einer 
Zeit hinweg. Der Ammonit ist das wertvollste Beispiel 
dafür: eine Bewegung die selbst als erstarrt Jahrmillionen 
überdauernd, in jedem Beschauer wieder zu schwingen 
beginnt. — Es gibt wohl keine Form, die in gleichem 
Rang Symbol des Tanzes sein könnte wie der Ammonit. — 
Von den modernen Symbolisierungen kenne ich das aus 
der Gotik entlehnte Signet der Hellerauer für den Rythmus 
als beste Lösung. Das Symbol des Tanzes hingegen 
kann nur die Spirale mit ihren kleinen Abteilungen, 
Schwingung zu Schwingung, der Ammonit sein, der als 
Sonnenwurm in den Trojaburgen des Nordens, in den 
Spangen, Fibeln und sonst als Schmuck der Bronzezeit 
immer wiederkehrt und von dem sich ebenso die von 
Worringer betonte „unendliche Melodie der nordischen 
Linie“ wie die merowingischen Bandornamente ableiten. 
Diese beständig ineinander und auseinander rasende 
Spirale, vielleicht der letzte Ausdruck der dem Menschen 
zum Erleben des Alls gegeben ist, erfasst das Wesen des 
Tanzes in letzter Consequenz des in die Tiefe des innersten 
Seelencentrums und zur äußersten Periferie der Ewigkeit 
wieder zurückstürzenden, zwischen Ich und All kreisenden 
Lebens: Inkarnation und Musik zugleich. Hier ist Schwer 
punkt und Schwingung, Gegenstands- und Wesenswert 
im absolutesten Verhältnis zu einander.
	        

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