Full text: Veröffentlichung der November Gruppe (1(1921))

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Der Wille zum^Primitiven als Zeichen einer neuen 
Kultur zeigt sich naturgemäss am auffallendsten da, wo 
der Intellekt bisher ein grösstes Recht beanspruchte, in 
der Sprachkunst. Die Sprache ist das ärmlichste künst 
lerische Ausdrucksmittel, das es gibt, da ihr Zweck die 
Verständigung vorwiegend über die äusseren Beziehungen 
zwischen Menschen ist und ihre Anwendung in der soge 
nannten »Dichtung“ nur einen verhältnismässig kleinen 
Komplex ausmacht. Das Wesen der Sprache ist nicht 
dem von Farbe, Klang, oder Körper entsprechend, denn 
die Sprache* ist nicht sinnlich (etwa durch das Ohr) greifbar, 
sondern nur der Laut. Eine Dichtung ist stets nach der 
Phonetik, nie nach der Sprache bewertbar, die aus der 
Verquickung von Laut und Intellekt hervorgegangen ist; 
Kunst^aber geht stets aus der Einwirkung der durch den 
Menschen bewusst gewordenen und von ihm der Menschheit 
durchs lautliche, klangliche oder plastische Darstellung 
(jedes Ding das vergängliche Symbol eines Seins das 
ewig ist) bewusst gemachten Intuition hervor. Der 
Brief * 
Qrötzingen, Amt Durlach 31. 3. 21 
Sehr geehrter Herr v. Heister! 
Wie ich Ihnen versprach, will ich jetzt einmal von 
meiner Wandlung zum Gegenständlichen berichten. Ich 
glaube nun allerdings, dass dieses’weniger eine persönliche 
Wandlung, als vielmehr das Resultat der allgemeinen 
Entwicklung ist, deshalb* muss ich etwas weit ausholen. 
Die Kunsthistoriker pflegen die Entwicklungsgeschichte 
der bildenden Kunst im 19. und 20. Jahrhundert als einen 
Stammbaum der grossen Talente darzustellen, bei dem 
aber die für sie von den Gelehrten beanspruchte jeweilige 
Vaterschaft mir oft höchst zweifelhaft zuj sein scheint. 
Ichjglaube vielmehr, dass sich die Entwicklung in der 
Kunst nicht durch den Einfluss einzelner grosser Meister 
auf die starken Talente der jüngeren Generation vollzieh^ 
sondern dass gerade die mittleren Begabungen das Gesicht 
der betreffenden Periode bestimmen und durch ihre 
überaus starke, vom Kunsthandel benötigte Produktion 
und die verschiedensten Variationen des ursprünglichen 
Themas den bestimmenden Einfluss ausüben, der zur 
Weiterentwicklung und Prägung neuer Ideen durch 
Einzelne wieder führt. Der Einfluss aus 2. und 3. Hand 
ist meist der ausschlaggebende. Jedes grosse Talent ist 
zwar die höchste Formulierung der Kultur seiner Zeit, 
diese aber wieder der untrügliche Spiegel des Durch 
schnitts der jeweiligen künstlerischen Produktion. Des 
halb beziehen sich meine folgenden Darlegungen auf 
diesen Durchschnitt. 
Der Expressionismus unserer Zeit scheint; mir letzten 
Endes gar keine umstürzende Bewegung, keine Reaktion 
auf den Impressionismus zu sein, sondern eine konse 
quente Fortführung desselben. Der Expressionismus ist 
ebenso wie der Impressionismus bedingt durch das Prinzip 
l’art pour l’art (oder noch besser l’artiste pour l’artiste). 
primitive Mensch und der primitiv Schaffende'erfasst den 
Laut und gibt Dichtung (also Kunst, Tatsächliches, Tat 
sache), der Intellektualist benutzt die geläufige Sprache 
und macht Literatur, die in jedem Fall das Erlebnis 
erniedrigt und banalisiert. — Tatsachen unterscheiden 
sich von Banalitäten dadurch, dass sie sich nicht, wie 
diese beweisen oder begründen lassen. Die Tatsache, 
ich bin! — Die Tatsache: das Leben! — Die Tatsache 
als Abstraction. Abstraction ist Keuschheit. Scham vor 
Banalität und Profanie. Eine Esoterik für Unbescholtene 
Unbeengte, Unbevorurteilte. — Vorurteile: Die Tradition 
die Konvention, die Richtung. Welches Urteil ist heute 
kein Vorurteil. Welcher Mensch ist heute die Ekstase 
seines Geistes! Es gab nie bessere Jongleure als unsere 
Intellektuellen. Es gab nie bessere Taschenspieler. Sie 
sind rechthaberisch bis zur Banalität: sie beweisen und 
begründen, dass sie Recht haben: Literatur. — Der Mensch 
beweisst nicht. Der Mensch ist. 
Dietrich 
Durch Anerkennung dieses Prinzips verzichtete zu 
nächst der Impressionist in hochmütigem Klassenbewusst 
sein auf die Resonanz im Volke. Auch der Expressionist 
schloss sich gegen Leben und Gegenwart ab, hatte keinen 
Zusammenhang mit dem Volke und dem, was die breite 
Masse bewegte. Er horchte ausschliesslich in sich hinein. 
Wie vorher die leisesten Veränderungen in der Luft durch 
atmosphärische Einflüsse, so werden jetzt die leisesten 
Schwingungen der Seele mit der empfindlichen Gewissen 
haftigkeit eines Seismographen, zu registrieren gesucht 
Es fragt sich da sehr, ob sich jemand für derartige sub- 
ektive Nüancen interessiert. Die Kunst war eben ab 
soluter Selbstzweck, sozusagen eine Spezialwissenschaft. 
Trotz dieser gemeinsamen Grundlage des l’art pour 
l’art stellte sich aber der Expressionist in Gegensatz zum 
Impressionisten. Einmal hat er das Verdienst, durch 
seine radikale Konsequenz das l’art pour l’art-Prinzip in 
die höchste Potenz bis zu seinem wohlverdienten Ende 
zu steigern, andererseits aber bei aller scheinbaren Auf 
lösung und gewaltsamen Vernichtung der Formen (des 
Gegenständlichen) die Grundlagen zum neuen Bauen der 
Formen im Raum des Bildes zu schaffen. 
Der Impressionismus führt zur flachen Dekoration, 
der Expressionismus zur Raumgestaltung, abgesehen davon, 
dass der Expressionismus dem Künster wieder die Sou 
veränität über den Gegenstand gab, nachdem er mit 
Kuben, Kegeln und Kreisen frei zu schalten und walten 
gelernt hatte. Im Impressionismus lag ein Stück Mili 
tarismus, die Natur rief dem Künstler „Stillgestanden!“ zu. 
Am konsequentesten wurde der Gegensatz zum Im 
pressionismus in jener Art expressionistischen Schaffens 
durchgeführt, die man abstrakte Malerei nennt. Hier 
scheinen mir die Ansätze zur wirklichen Reaktion auf 
den Impressionismus zu liegen.
	        

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