Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Rene ScfiicßeCe • Ai'sse 
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in der Luft, zitternd, ungewiß, idi sah den mir wohlbekannten 
Chevalier d'Aydin mit Verwunderung sich in diesem Bild bewegen, 
die Sinne versagten mir, dann erwachte ich in Aisses Armen zur 
Wirklichkeit... »Seht nur das Gespenst!« riefen die Leute, wenn 
ich auf meinem Pferd durch die Straßen jagte. »Der Chevalier ist 
blind und taub geworden,« sagte man bei Hof. Ich tat meinen Dienst 
mit einer Art schlafwandlerischen Sicherheit, ohne mich einen Augen 
blick bei etwas aufzuhalten, was nicht zu der Funktion gehörte, die 
ich, wie mir schien, seit undenklichen Zeiten ausübte. Wie ich mich 
so gehen und sprechen, lächeln, den Nacken beugen fühlte, empfand 
ich mich selbst immer mehr als ein Gespenst. 
Im selben Maße wuchs die Macht meiner Vereinigung mit der Ge 
liebten. Es war ein Strudel, der alles anzog. Eltern, Kindheit, die 
kleinen und großen Ereignisse meines Lebens, Hoffnungen und Be^ 
gierden, alles drängte hier zusammen und hatte nur noch Leben in 
ihren Armen. Manchmal sah ich halbvergessene Menschen körpere 
haft herbeiwandern, ich hörte ganz nah den Klang von meines 
Vaters Stimme, der aus dem Fenster des Wohnzimmers nach mir 
rief, ferne Gegenden kamen geschwommen, wie Treibeis, mit Häu=> 
sern, Äckern, Herden darauf. Alles, was ich kannte, machte sich 
vom Boden los, verließ die Welt des Scheins und kehrte in die 
Heimat zurück und nahm Platz in meinem und der Geliebten einem 
Herzen. 
O wunderbare, lebenslängliche Umarmung! Sie offenbarte mir die 
tiefe Güte selbst der Verzweifelten. Wie alle jungen Männer, hatte 
ich genossen, um zu genießen, der Zerstreuung wegen, und weil 
andere ebenso taten, und auch, um mich von einem Alb zu befreien, 
— und die brennende Scham der Enttäuschung gekannt. Die ersten 
Frauen, die sich geben, sind ja selten die Geliebten. Ich sah sie 
wieder und erkannte allerhand Zeichen, die ich früher übersehen 
hatte, daß in ihrem Lachen, in ihrem Fieberdurst, in ihrer bald ko 
ketten, bald frechen Sachlichkeit, ihrer zerreißenden Neugierde alte 
Mädchenträume um Erfüllung schrien. Sie betranken sich an der 
Liebe, wie auch oft am Wein. Sie mußten hinaus ins Grenzenlose, 
kostete es, was es wollte. Versuchten immer wieder die Himmelfahrt, 
erwachten als Dirnen und begannen von neuem, die Männer ver*
	        
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