Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Rene ScfiicfieCe ■ Ahse 
911 
freien sollte, sein lüsterner Blick war bereit, vor der Wahrheit ab 
zudanken ... Gleich ginge die schwelende Inbrunst in Flammen auf... 
Ich nannte ihn Bruder. Wie sie in meine Liebe einzogen, waren sie 
schon halb erlöst — alle! Das Leben glühte auf, von einem über® 
irdischen Strahl getroffen. Das Leben erfüllte seinen Sinn. Die 
Schmerzen hatten, litten ohne Haß, und die Glücklichen spendeten 
mit reichen Händen. Zwischen Geburt und Sterben stand das schwarze 
Kreuz des Todes wie der Zeiger einer Wage. Ich lebte — wie das 
Leben selbst. 
A'isse aber starb ewig den Liebestod. 
»Bin ich schon tot?« fragte sie manchmal, wenn wir, noch inein® 
ander verschlungen, ruhten. Zwei Pflanzen waren wir, die, außer sich 
vor Freude, einander mit ihren Säften durchdrangen und voneinander 
zehrten. Die Mündung zweier Ströme. Ein Kandelaber mit vielen 
brennenden Kerzen. 
A'isse öffnete nicht einmal die Augen, wenn ich sie verließ, und 
meine Rückkehr war, als hätte ich sie nie verlassen. Wir kannten 
weder Zwang noch Versagen. Wir waren die beiden Flügel eines 
Vogels, die einander mühelos überboten und sich zusammenschlossen. 
»O Wollust,« rief sie, »gute Wollust!« 
A'isse wußte nichts mehr von Paris, sie war im Kloster gestorben, 
als die Monstranz funkelte und die weißen Schwestern sangen. Der 
Geliebte hatte sich über sie gebeugt, sie auf seine Schulter gehoben 
und in den Himmel getragen. Nun küßte er sie unaufhörlich, und 
sie umarmte ihn ohne Ende. Wir brannten und hatten wieder kühl. 
Millionen Wesen nahmen, von einem Blut durchströmt, an unserer 
Freude teil, eine unübersehbare, glückverstummte Schar, aus der 
manchmal, deutlich erkennbar, die Heiligen auftauchten. Aisse er® 
kannte sie nach den Bildern, die sie auf der Erde von ihnen gesehen 
hatte. Es war ein ewiges Kommen und Gehen wie auf einem 
großen Sklavenmarkt. Ein Sichsuchen, Sichfinden, ohne daß wir ein® 
ander verloren. Zuweilen tauchte aus dem Goldlicht die dunklere 
Silhouette von Konstantinopel. Auf den Minarets hoben sich ganz 
dünne Arme. Das waren die Männer, die zum Gebet riefen. Aber 
ihre Stimme hörte man nicht. 
A'fsses Gang war noch leiser, ihre Bewegungen noch demütiger
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.