Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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Rene Scßicfiefe • Ai'sse 
geworden. Sie schwebte durchs Zimmer, bereitete das Essen, ver^ 
weilte still und tat alles 
der Selbstverständlichkeit 
freien 
Der Pächter und ein Knecht 
Magd. Sie kannte weder Scham noch Furcht. 
Eines Tages versuchte sie mühsam, sich aus meinem Arm zu er^ 
heben und fiel zurück. Da sagte sie: 
»Du mußt meinen Beichtvater holen.« 
Der Priester kam und traute uns. 
waren Zeugen. 
»Jetzt,« rief Ai'sse, »kannst du tun, was dir beliebt, bis du stirbst. 
Dann werden wir Hochzeit halten im Himmel, denn du bist mein 
Gatte. Du bist mein Gatte! Hörst du? Mein Gatte! Du gehörst 
Gott und mir allein.« 
In der Nacht begann der Todeskampf. Sie klammerte sich an 
mich und litt knieend in meinen Armen, die sie hielten. Dann strich 
sie mit beiden Händen langsam über meinen Körper und legte den 
Kopf auf meinen Leib. 
Ich hielt zwei Tage und zwei Nächte Totenwacht. Ai'sse lag nackt 
und einsam ohne eine Blume, zwischen den Kerzen, sie schien mit 
den Haaren an das große weiße Bett festgewachsen. Sie hüllten sie 
in das Laken und legten sie in den Sarg. 
★ 
Am Grab war die männliche Gemeinde von Saint-Sulpice ver 
sammelt. Der Regent ließ sich durch den Grafen von Charolais ver^ 
treten. Als der Priester die letzten Gebete sprechen wollte, vergaß 
er sie mit einemmal. Er starrte mit geröteten Augen abwechselnd 
ins Grab und in sein Buch. Endlich sagte er einfach: 
»Sie wird auferstehen!« 
Kurze Zeit darnach folgte ich meiner Geliebten. Als ich spät 
abends den gewohnten Weg zum Pächterhause ritt, scheute auf der 
Brücke bei Suresnes mein Pferd vor einem Wagen und stürzte über 
das Geländer in die Seine. Ich ertrank...« 
Der Franzose legte seine Hände auf meine Knie und sah mir 
lächelnd in die Augen. 
»Ich versank und erwachte bald darauf in einem fremden Land. Ich 
sah gleich, daß alle Frauen hier Ai'sse glichen und war nicht er^
	        
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