Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

GCossen 
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sei das alles auch noch so abenteuerlich, 
skurill, wild, blutig und furchtbar ... Zivili 
sation aber istVernunft, Aufklärung, Sät 
tigung, Sättigung, Skeptisierung, Auflösung 
— Geist.« Thomas Mann, der sich schon da 
mals und früher mit Friedrich dem Großen 
beschäftigte, erscheint der Gegensatz am 
schlagendsten verkörpert in Voltaire und 
dem König: »Das ist Vernunft und Dä 
mon, Geist und Genie, trockene Hellig 
keit und umwölktes Schicksal, bürgerliche 
Sättigung und heroische Pflicht,- Voltaire 
und der König: das ist der große Zivilist 
und der große Soldat seit jeher und für 
alle Zeiten.« Eine Parallele zwischen Na 
poleon und Goethe wäre vielleicht, für 
das nachrevolutionäre Frankreich, um das 
es sich hier handelt, in jeder Hinsicht er 
giebiger gewesen. Aber, wie gesagt, be 
schäftigte sich Thomas Mann gerade mit 
der Geschichte Friedrichs des Großen, 
wenn auch — sein Abriß über Friedrich 
und die große Koalition zeigt es in jeder 
Zeile — mit jener Methode, die seiner 
Geistesart entspricht, und die mit der Art 
Voltaires mehr Verwandtschaft hat, als 
mit dem dämonischen Überschwang der 
Tage, wo Thomas Mann zur Abfassung 
einer so geistreich, mit so zärtlichen Fin 
gern zusammengesetzten, so ganz unleiden 
schaftlichen Arbeit die Ruhe fand. »Ist 
nicht der Friede« fragt er einmal, »das 
Element der zivilen Korruption, die ihr 
<der deutschen Seele) amüsant und ver 
ächtlich scheint?« Verhielte es sich so, dann 
verdiente der erste Kriegsaufsatz, den 
Thomas Mann in den Septembertagen ge 
baut und geputzt wie die Villa in einem 
stillen Vorort hinstellte, ein repräsentatives 
Produkt dieser »zivilen Korruption« ge 
nannt zu werden. Wobei zuzugeben wäre, 
daß im Giebel des reizenden Absteige 
quartiers der Spruch nicht zu übersehen 
sei: »Wir sind in Not, in tiefster Not. 
Und wir grüßen sie, denn sie ist es, die 
uns so hoch erhebt.« 
Wie hoch? 
Gerade so hoch, daß der Ritter Thomas 
Mann, im Damensattel reitend zwischen 
Tod und Teufel, seine unsäglich kokette 
Gebärde hin über werfen konnte wie einen 
Handschuh in die dampfenden Reihen der 
Soldaten. 
»Friedrich und die große Koalition« 
wurde im Dezember geschrieben. Ich finde 
den Versuch meisterhaft. Und, für den 
mitfühlenden Leser, erschreckend. Trotz 
seiner skeletthaften Dürre erinnert er an 
gewisse Novellen von Stendhal aus der 
Renaissance... Wie der »Mailänder« sich 
von der üppigen Fleischlichkeit seiner Ge 
stalten entzücken ließ, die, in roten und 
in weißen Höllen aufgerichtet, singend am 
Guten zerbrachen und im Bösen die wol 
lüstige Vernichtung suchten, so gibt sich 
der nordische Thomas Mann, noch in der 
wachsenden Steigerung einer seltsamen 
Erregtheit wie unberührt, das Schauspiel 
eines Totentanzes, wo das klappernde Ge 
bein sich in einem Satyrspiel bewegt, dazu 
nicht gerade das beste Französisch parliert 
wird,- von dämonischer Melancholie er 
hoben zwischen Himmel und Erde hängt,- 
um gelegentlich, nach genußvollem Studium 
durch den Betrachter, und zum Schluß end 
gültig mit einem Ruck in die Sterne zu 
fahren. Das alles ist köstlich zugerichtet. 
Es fehlt nicht an Einlagen im heutigen 
sowie im Stil der Zeit. Das Rampenlicht 
bleibt rosa, selbst dann, wenn der Knochen 
mann wie der Gekreuzigte selbst an der 
angespannten Schnur hängt. Das alles ist 
ganz ausgezeichnet gemacht, und wenn die 
Methode zuweilen an den »Fall Wagner« 
erinnert, so zeigt gerade der Vergleich mit
	        

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