Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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GCossen 
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wo ihre dokumentarischen Belege durch 
diplomatische Diskretion verschleiert sind, 
Ernsthaftigkeit und Verbürgtheit zuge» 
messen werden. Das Buch Truhetzkois ist 
ein Hauptwerk jener modernen politischen 
Literatur, an der das intellektuelle Deutsch» 
land, bei Bismarck stehen geblieben, un» 
begreiflicherweise so lange achtlos vorbei» 
gegangen ist. 
Die äußere Politik Rußlands hat zwei 
Schwerpunkte: einen fernöstlichen, ost» 
asiatischen und einen nahöstlichen im euro» 
päischen Orient. Daher — da alle politische 
Macht heute nur durch Waffen und »Kon» 
stellation« <Bündnisse> gesichert werden 
kann — hat Rußland, lange der isolierteste 
Koloß, heute ebensoviel Bündnis» wie 
Rüstungsbedürfnisse. Da ihm seine Koa» 
litionen in Ost und West wechselweise 
Zwang auferlegen, bleibt seine äußere 
Politik einem vor» und rückwärtsschaukeln» 
den Schiff vergleichbar: ein »Interessement« 
in Ostasien zwingt es zu einem Status quo» 
hütenden Desinteressement in Europa,-seine 
Wiederanteilnahme am europäischen Ge» 
schäft bedingt die zeitliche Stillegung seines 
fernöstlichen Dranges. Im ersten Fall reiben 
sich seine Interessen an denen Englands und 
der ostasiatischen Mächte, im zweiten Fall 
an denen der Türkei und Oesterreichs. 
Im europäischen Orient heißen seine 
Aufgaben: das orthodoxe und slavisch» 
nationale Protektorat und die Meerengen» 
frage, die uralte »Byzanz«-Idee Rußlands. 
Es ist also immer und dauernd der Feind 
der Türkei. Selbst in der Periode seiner 
stärksten fernöstlichen Tendenzen, in den 
zwanzig,dreißig Jahren vor dem japanischen 
Krieg, hat es sich immer nur mit seinem 
zweiten nahöstlichen Rivalen, mit Oester» 
reich, vertragen, und nur im vertagenden 
Status quo»Abkommen <Kaiserbegegnung 
von Reichstadt, Märzstegprogramm usw.), 
die alle eine bohrende Spitze gegen die 
Türkei hatten <das mazedonische Reform» 
werk und dergleichen). 
Während der fernöstlichen Periode war 
man in Rußland anglophob, was England 
durch das Bündnis mit Japan quittierte. 
Beim Ausbruch des japanischen Krieges 
lieferte England den politischen Meister» 
streich der neutralistischen Verständigung 
mit Frankreich, wodurch der franko»russi» 
sehen Alliance ihre eigentlichste Bedeutung 
<als Rückenschutz Rußlands gegen Eng» 
land während ostasiatischer Abenteuer) ge» 
nommen wurde. Nach der Niederlage Ruß» 
lands begann die Zeit, in der seine äußere 
Politik mehr durch Bündnisinteressen als 
durch unmittelbar russische Interessen, also 
mehr von außen her gelenkt wurde. Es 
brauchte noch einige Zeit, bis Rußland 
durch Gegendruck seine Verbündeten und 
Freunde auch seinen nahöstlichenWünschen 
geneigt machen konnte. Wenn es wahr 
ist, daß England Rußland in den japa» 
nischen Krieg hineinintrigiert habe, so tat 
es dies im Grunde nur deshalb, um durch 
diese Abstoßung Rußland »nach Europa 
zurückzurufen«. Mit der Resignation in 
Ostasien bezahlte Rußland die Annäherung 
an England, wie sie sich im englisch» 
russischen Abkommen von 1907 ausdrückte. 
Diese Verständigung der beiden Mächte 
durch Abgrenzung ihrer asiatischen Inter» 
essensphären war nicht gar schwierig, da 
sich beide in Asien gesättigt fühlten und 
nur mehr »quieta non movere« wünschten. 
Zumindest scheint Rußland, das sich seit 
1910 auch mit Japan vertragen hat, (wozu 
der unübertroffene Dilettantismus der ame» 
rikanischen Diplomaten mithalf) der ost» 
asiatische Appetit für lange Zeit ver 
gangen zu sein, und eine Anzettelung von 
Konflikten scheint dort von ihm nicht mehr 
zu befürchten.
	        
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