Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

GCossen 
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der europäischen Orientfrage in einem Ruß» 
land befriedigendem Sinne zu finden — und 
Trubetzkoi z. B. schlägt als solche vor, die 
Meerengen gleichmäßig und ausschließlich 
für die Kriegsfahrzeuge aller Küstenstaaten 
des Schwarzen Meeres zu öffnen — so 
kann man wohl behaupten, daß dann Ruß» 
land für unabsehbare Zeit das pazifistischste 
Element unter den Weltmächten wäre. Sein 
Ausscheiden aus der Entente, die ihm ihren 
Zweck erfüllt hätte, würde automatisch auch 
die westeuropäische Frage aufhehen, und 
dann wäre vielleicht der Zeitpunkt da, die 
bisher geübte Individual» und Konkurrenz» 
politik der Staaten, die allzu oft nur durch 
»Prestige« und prinzipiellen Widerspruch 
bestimmt ist, durch eine Machtkartellisie» 
rung Europas zu ersetzen. 
Gustaf Kauder. 
Das < Zeit< s EcBo. 
In der Voraussetzung, daß die gegen» 
wärtigen Wirren ein Thema abgäben, für 
dessen Abwandlungsmöglichkeiten jeder» 
mann willige Ohren mitbrächte, hat ein 
Münchner Verlag dieses »Zeit»Echo« ein» 
gerichtet, periodische Hefte mit geschrie» 
benen und gezeichneten Künstler=Reak» 
tionen auf den Krieg. Dem vernehmlichen 
Reiz der europäischen Mißhelligkeiten ant» 
Worten hier allerlei Leute, die es nicht 
nötig gehabt hätten, und die es vielfach 
ungeschickt tun und nicht mit den besten 
Manieren und in Unkenntnis mancher, 
beträchtlicher Dinge. Von Nietzsche hätten 
diese Echo'isten zur Erwägung nehmen 
können, welch eine Klugheit und Selbst» 
Verteidigung darin bestände, so selten wie 
möglich zu reagieren, Stacheln zu haben, 
ja — mehr noch — sich allen Lagen zu 
entziehen, wo man auch nur zur Abwehr 
des Antwortens, zu der verschwenderischen 
»Defensiv»Ausgabe« des Stach lig»sein» 
müssens gezwungen wäre. So gefestigt 
waren die Beiträger nicht. Schweigen sei 
jetzt das beste Teil, weiß zwar einer,- aber 
die Herausgeber, die hier eine Enquete 
zur Zeitschrift streckten, vertrauten dem 
Goethischen: 
Dichter lieben nicht zu schweigen, 
Wollen sich der Menge zeigen. 
Immerhin gibt es Nuancen. Neben die 
ehedem distinguierten Romanciers, die, in 
der gewohnten höheren Schreibweis', aber 
mit sensationeller Hinopferung geistiger 
Besitztümer, Offiziellstes stilisieren, treten 
die Nachdenklicheren, Bedenklicheren, wei» 
terhin die Postulativen, ideale Forderungen 
schwenkend, und endlich gar die Spröden, 
Degcutierten, die Eigensinnigen undWi» 
derspenstigen. Bei alledem sei man un» 
besorgt: von da bleibt ein weiter Weg, 
führt überhaupt kein Weg bis zum Unter» 
schlupf der »refractaires«, zu des Auver» 
gnaten Jules Valles epileptischer »Födera» 
tion der Schmerzen«. Das ausschweifendste 
Wagnis dieser Blätter: Brüderlichkeit. 
Der Lyriker Werfel bekennt sie, und der 
milde, geduldige, gütige Sozialprophet 
Landauer. Etliche andere melden, für 
später, Operationen des Geistes an. Un» 
glück könne jeder Esel haben, dozierte 
der Marquis von Keith, man müsse es 
nur richtig auszubeuten wissen. Aber 
diese »Ausbeutung« hier geschieht in zagem 
Ton und ohne rechte Überzeugung. Ein 
Unerwünschtestes soll so gebogen werden, 
daß es schließlich doch zum Besten diene. 
Unsinnigem möchte der Schreibtisch-Op» 
timismus einen Sinn injizieren,- »was nicht 
deutbar, dennoch deuten«. (Loris.) Man 
proklamiert, unter Fieberschauern des 
schlechten Gewissens, eine geistige Zukunft. 
Wäre Geistes»Gegenwart nicht hübscher?
	        

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