Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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GCossen 
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gegeben, über »die schriftliche Behandlung 
architektonischer Angelegenheiten durch 
Leute, die nicht vom Fach sind und denen 
teilweise in Fachkreisen ganz allgemein 
die Urteilsfähigkeit abgesprochen wird.« 
Man hätte diesen Satz wenigstens sorg» 
fähiger durchbilden sollen. Wird die Ur» 
teilsfähigkeit »teilweise« oder »ganz all» 
gemein« abgesprochen? Beides ist doch 
nicht gut möglich. Oder ist gemeint, »ganz 
allgemein« wird die Urteilsfähigkeit be» 
stimmten Teilen der Kritikerschaft ab» 
gesprochen? Das wäre eine irrige Annahme. 
Der Satz gleicht also einer Fassade, die 
teilweise ganz allgemein ist. »Der Archi» 
tekt«, wurde in Cassel weiter gesagt, »kann 
sich auf seinem Gebiete mit dem Stifte 
völlig ausdrücken und bedarf der Feder 
nicht, er bildet daher deren Gebrauch 
nur ausnahmsweise aus« . . . Gottseidank! 
Ich weiß nicht, ob der Formulator dieser 
Sätze selbst Architekt ist, ob er sich auf 
seinem Gebiete mit der Feder oder mit 
• h 
dem Stifte <in letzterem Falle wäre er ein 
Fachmann) ausdrüdct,- die Quintessenz 
seiner Worte soll jedenfalls sein: der Archi» 
tekt wird vielleicht nicht gut schreiben, 
aber das braucht er auch nicht. Wenn 
er nur gut baut! 
Wölfflin hat einmal behauptet, wer einen 
Kopf gut zeichnen kann, verstünde sicher» 
lieh, auch gut zu schreiben. 
Der »Fachmann« Liebermann (»Meister 
der Zeichnung«, Band 2) betrachtete den 
Satz skeptisch und sagte seinerseits: »einer, 
der keinen Strich zeichnen kann, ist un» 
fähig, über Malerei zu schreiben.« 
Ich finde, daß Liebermann hier von einer 
bewundernswerten Weitherzigkeit ist. Er 
läßt implicite zu, daß jemand überMalerei 
»schreibe«, der nur ein bißchen »zeichnen« 
kann. Ist das nicht allzu nachsichtig? Wäre 
es nicht vielleicht empfehlenswerter, jeman» 
den, der »einen Strich zeichnen« kann, 
doch nur zum Schreiben über Zeichnungen 
zuzulassen, und zwar doch recht eigentlich 
nur über Strichzeichnungen? Ich an Lieber» 
manns Stelle würde mir eine Äußerung 
dieses Jünglings über meine Zeichnungen 
jedenfalls verbitten und verlangen, daß er 
zuvor eine Probe »Wischzeichnung« vor» 
legte. Und gar ehe ich ihn an gemalte 
Bilder heranließe . . . mindestens sollte er 
zuvor eine Pflaume oder eine Nasenspitze 
in öl malen! 
, ★ 
Der Schrei nach dem Fachmann! 
Fast dürfen die Kunstschriftsteller stolz 
sein, daß er erhoben wird. Denn das Ge» 
schrei beweist, daß die Schriftsteller im 
Grunde die reinere Auffassung der Kunst 
besitzen. 
Was bedeutet das Geschrei nach dem 
Fachmann ? 
Es bedeutet die Auffassung der Kunst 
als ein technisches Können — im völlig 
materialistischen Sinne. Selbstverständlich! 
wenn die Kunst ein »Können« ist, dann 
hat nur das Urteil eines Menschen Sinn, 
der dasselbe »kann«. Über den Plan einer 
Turbine hat ein Urteil nur, wer auch Tur» 
binen bauen kann. Den Brückenbau eines 
Pionierdetachements kann nur bewerten, 
wer die technischen und militärischen Vor» 
aussetzungen und Folgerungen kennt, also 
der Fachmann. Wenn aber ein Architekt 
von seiner Arbeit sagt: »ich wünsche und 
anerkenne nur das Qrteil von Fachleuten«, 
dann sagt er nichts anderes als: »was ich 
gemacht habe, ist nicht Kunst«. 
Kunst ist manifestierter Geist. . . Geist, 
in körperliche Gebilde gewachsen. »Fächer« 
hat dieser Geist nicht, und um ihn fassen 
zu können, ist Voraussetzung nur, daß 
man selbst »Geist« ist. Fächer hat frei» 
lieh das Können. Der eine kann Kinos
	        

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