Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Carf Sternfieim • Napofeott 
827 
Hungrigen feste Nahrung, bediente die ewig Satten mit Schaum und 
Gekröse,- von ihm zu allen Tischen lief ein Band des Verständnisses. 
Hob der Gast nur die Karte, fiel von Napoleons Lippen erlösend 
der gewünschten Speise Name. 
Jahrelang blieben die seine Lieblinge, deren leibliche Not die Kost 
stillen sollte. Hin saftiges Stüde Fleisch, von kräftigen Zähnen ge» 
bissen, schien ihm die gelungenste Vorstellung. Doch machte er 
Unterschiede zwischen den Sorten. Ließ er Kalb und Lamm im Hin» 
blich: auf ihre festere Zusammensetzung gelten, war ihm Wild und 
Geflügel wenig sympathisch. Von Fischen, Austern und Verwandtem 
hielt er der lockeren Struktur wegen nicht das Geringste. Inbegriff 
guter Nahrung war ihm das Rind. Unwillkürlich sah er beim Hin» 
und Heimweg die Begegneten auf die Beschaffenheit ihrer Musku» 
latur hin an. Die erschienen ihm wohl bereitet, die über straffem 
Knochenbau gedrängte Materie trugen. Die Mageren verachtete er, 
und die mit losem Fett Gepolsterten waren ihm verhaßt. Einem gut 
aufgesetzten Körper folgten seine Blicke zärtlich und zerlegten ihn 
augenblicklich in gigots, sei, cötes und Kotelettes. In der Einbildung 
streute er Pfeffer und Salz hinzu, garnierte, schnitt und sevierte das 
Ganze mit passendem Salat,- dann lächelte das junge Gesicht, und 
hingerissen, ahnte er nicht, in welcher Zeit er lebte,- unterschiedSommer 
und Winter, Trockenheit und Regen, Überfluß und Notdurft nicht 
und wußte nur: dies freut den Gast. 
Immer hitziger wurde sein Trieb, dem zu Bedienenden sättigende 
Kost zu bieten. Gewürz und Zutat sah er nur in dem Sinn, wie 
sie die bestellte Speise fest und ausdauernd machen möchten. Es 
bildete sich in seine Vorstellung der Raum des leeren Magens, in 
den er wie aus Betonklötzen die Nahrung baute. 
Ging der Gesättigte, der schlappen Schrittes gekommen, wuchtig 
zur Tür hinaus, hing Napoleons Blick , an dem Schreitenden, als sei 
dessen Lebendigkeit sein Werk. Er brauchte das Bewußtsein schöp» 
ferischer Tat, um vor sich bestehen zu können und steigerte es 
allmählich zur Überzeugung, ohne ihn und seine Pflege sei die Lebens» 
arbeit der Betroffenen nicht möglich. Diese festzustellen, merkte er 
die Namen der Gäste,- nahm an ihrem Vorwärtskommen teil.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.