Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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CarC Stern beim * Napofeon 
in geradezu widerlicher Weise aus, garniere er den faulen Bauch 
täglich mit solchen Prachtfleischstüdken. Überhaupt begann der Wirt des 
Veau ä la mode seine Stammgäste auf ihre Verdienste hin anzu* 
sehen und stellte vor seinem Gewissen fest, keiner habe durch Er^ 
folge die Sorge vergolten, die man jahrelang an seiner Ernährung 
genommen. Infolgedessen folgte er ihrem Schlingen von nun an mit 
noch scheeleren Blicken, und als das Maß seines Grolls aufs Höchste 
gestiegen war, brüllte er eines Tages dem Hauptkoch zu, der über 
ein Tournedos ein volles achtel Pfund Butter goß, ob er von Gott 
verlassen sei und ihn durchaus ruinieren wolle. 
Über all das hatte er schlaflose Nächte, bis er zu fester Ansdhau^ 
ung sich durchgerungen hatte, die lautete: Es hat die Mahlzeit das 
Äquivalent zu sein der durch die tägliche Arbeit verausgabten Kräfte. 
Und so stellte er den Blick seiner Kundschaft gegenüber neu auf 
Feststellung dieser Tatsache ein und fand, er könne ruhigen Ge= 
Wissens mit der Beschaffenheit und dem Maß der Portionen herunter^ 
gehen und leiste noch immer ein Mehr in den Magen der Speisen^ 
den. Auch Suzanne gegenüber, die ihm ein Mädchen geboren hatte 
und noch in derselben Stellung bei ihm war, nahm er jetzt diesen 
Standpunkt ein. Auf Grund seiner Erziehung war sie gewöhnt, ihren 
und ihres Kindes Körper gehörig mit ausgesuchter Eßware zu stopfen. 
Jetzt wies er sie hin, es sei Schande, den ungeheueren Nahrungs^ 
mengen, die sie genösse, ein so winziges Maß an Leistung gegen^ 
überzustellen. Sie möge Leib und Geist mehr tummeln oder ihren 
Eßverbrauch einschränken. 
Damit aber hatte der Prozeß in ihm kein Ende. War gegen 
Mitternacht das Geschäft vorbei, das Haus leer, blieb er am Herd 
zurück und begann, schmorend und bratend, Versuche mit Surrogaten 
zu machen, die er den Speisen beimischte, von der innigen Über 
zeugung geführt, er habe das Recht und die Pflicht, es den Ver= 
braudhern gleichzutun, die auch an Stelle wirklichen persönlichen 
Wertes für das Menschengeschlecht falsches Vorgeben, hohle Gesten 
und Phrasen gesetzt hatten. 
Langsam begann er danach, seine theoretischen Erkenntnisse in 
die Praxis umzusetzen. Äußerlich blieb alles, Name und Anrichtung 
der Speisen, beim Alten. Bedachte er aber, wie ein Stück Fleisch durch
	        

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