Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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Carf Stern Beim • Napofeon 
sie noch hin und wieder, dann aber stand sie plötzlich im Schrank 
seiner Erinnerungen als Gleichnis der Hausmannskost und klein* 
bürgerlicher Umstände. 
★ 
Auf den Rat seiner Gönnerin widmete er der Zufriedenheit jener 
Frauen besondere Aufmerksamkeit, die in kostbaren Toiletten nach 
dem Theater in Begleitung von Lebemännern aßen. Er merkte sich 
irgend ein Besonderes, eine Laune der Betreffenden und spielte das 
nächste Mal vertraut freundschaftlich darauf an. Das Luxusgeschöpf 
sieht sich vom ernsten Mann ernst genommen, errötet vor Vergnügen 
und wird seine treue Kundin. Neben dieser Kategorie und ihrem 
Anhang stellte er sich vor allem den Diplomaten und Staatsmännern 
zur Verfügung, indem er ihnen, kamen sie mit wichtigen Gesichtern 
von einer Sitzung, um zu einer Sitzung zu gehen, ein stilles Eckchen 
an wies, wo sie ungestört blieben, nicht duldete, daß ein Kellner sich 
näherte und sie durch ausgesuchte Leckereien der Bürde ihrer Ver* 
antwortlichkeit für Augenblicke enthob. Da er aber fühlte, es ging 
ihm im Umgang mit den Spitzen der politischen Abteilungen aus 
Unkenntnis ihres Wirkens und Wollens die nötige Sicherheit noch 
ab, lud er sie in ein abgelegenes Zimmer, durch dessen Wand er 
von seinem Kontor ihre Gespräche hören, ihre Mienen beobachten 
konnte. Da lernte er alsbald, durch welche Spitzfindigkeiten und Um* 
schweife aus Eifersucht und Ehrgeiz der Handelnden strittige Fragen 
zwischen politischen Parteien des Vaterlandes oder den verschiedenen 
Nationen, aus ihrem logischen Gelenk gerissen, zu Entscheidungen 
wurden, die Zwischenfälle, Krisen und ein Mißtrauensvotum für das 
Ministerium hervorriefen. Er sah den Führern Frankreichs ihr Stirn* 
runzeln, das ironisch überlegene Lächeln und die knackende Hand* 
bewegung ab, die ein Ultimatum bedeutet, und hörte sich vollkommen 
in die inner* und außerpolitischen Strömungen hinein. Bald konnte 
er es wagen, dem eintretenden Minister, Attache oder Abgeordneten 
eine so treffende Anmerkung zur gerade wichtigen Affaire zuzu* 
raunen, daß der einen bedeutenden Eindruck von ihm bekam und 
weitergab. Aber auch die vollkommene Kenntnis des galanten und 
des Geschäftslebens verschaffte sich Napoleon durch seine Horch* 
spalte, sah er verliebten Paaren, feilschenden Geldleuten mit ange*
	        
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