Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

866 S. Triedfaender • Der Wag ßa ft er der Weft 
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Gleichgewicht so sehr gestört wie vom menschlichen. Das göttliche 
ist Antizipation des Todes und macht aus dessen abrupt eintretender 
Indifferenz die elastischste, die Extreme am Gängelbande behal« 
tende, sie kontrebalanciert Vergehen gegen Werden,- diese Extreme 
der Sterblichkeit, die der Tod zerhaut, schlingt sie in ihren lebendigen 
Knoten. Im Innersten muß man synästhetisiert sein, weltidentisch, 
leer von Differenz, um alle Differenzen gegenseitig für einander sen« 
sibel zu machen. 
Es ist z. B. unendlich leichter, Milliardär zu sein als »kein« Geld 
zu haben, d. h. weder Vermögen noch Schulden, d. h. die unum* 
gängliche Vorbedingung vor jeder Gelddifferenz. Wer diese persön« 
liehe Neutralität lebendig wäre, hätte den Geldunterschied disponibel, 
jedes finanzielle Extrem wäre gerade diesem »Besitzlosen« absolut 
zugänglich,- dieser seelisch zentrierten Geldmacht wäre keine mensch« 
liehe Börse gewachsen. Geld ist unvergleichlich mehr als man denkt 
eine intim persönliche Eigenschaft <wie z. B. auch Zeit). Die Macht 
des Zufalls bricht sich allemal an der der echt eigenen Person, sie 
würde an der der neutralisierten zerschellen. Eine Person mag noch 
so energisch sein, aber ohne diese rein neutrale Präzision ihrer 
Energie erfährt sie die schrecklichsten Schwankungen und Verwir 
rungen. Die Extreme des Lebens, die der sie indifferenzierenden 
Person präzis einander parallel gehen, verqueren, verschränken und 
überkreuzen sich der menschlichen. So verklammert sich über der 
Gegenwart Vergangenheit mit Zukunft, sie liegen sich in den Haaren, 
und es gibt noch gar keine echte persönliche Gegenwart. 
So korrigiert sich das menschliche Mißverständnis des »Gewissens«. 
Es nutzt gar nichts, irgend etwas zu negieren. Man kann auch das 
Gewissen nicht negieren, ohne es zu ponieren. Etwas, das über« 
haupt unterschieden ist, ist etwas,- sogar die wahnsinnigsten Gebilde 
des Aberglaubens, Hexen z. B. sind etwas. Falsch an solchen Unter« 
schieden ist nur das isolierte Behaupten, der Mangel an Blick für 
die totale Differenz, in die sie gehören, die Unfähigkeit zur polaren 
Abwandlung dieser Begriffe. Z. B. »Hexe« kontrastiert etwa gegen 
die »gute Fee«, diese Extreme sind das Erlebnis einer realen mo« 
ralischen Differenz, die in der Tat ins Exorbitante geht. Etwas von 
der Universalität Verlassenes gibt es nicht. Aber es gibt sogar
	        
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