Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

S. Triedfaender • Der Wag hafte r der Weft 881 
zum Unsinn vernachlässigt — weswegen es mit unserer noch so 
hoch gesteigerten differenzierten Kultur zu keiner so vollendeten wie 
lebendigen Vollkommenheit gelangen kann. Es ist gar nichts volU 
kommen als das rein integre Innere, dieses Neutralsalz aller Welt, 
dieses lebendige Nichts, das, frei von aller Welt, alle Welt aus sich 
heraus polarisierend erschafft. Und welche präziseste Bestimmung ist 
das! Es ist der Nullpunkt aller Weltdifferenz, persönliche Indiffe*- 
renz. Man verwechsle dies nicht mit indischem oder sonst welchem 
Quietismus, das intrikat hyperbolische Leben, das Allerlebendigste 
nicht mit dem Tode. Bestrebt, dem Relativisten dieses oo, diesen ab^ 
soluten Odem einzuhauchen, müssen wir ebensosehr den Quietisten 
zwingen, seine ungeheuer triebkräftige potentielle Energie polar in 
kinetische umzusetzen. Man macht sich den falschesten Begriff von 
der Paralyse, auf die eine energische Gegenseitigkeit geraten kann, 
wenn man aus diesem scheintoten Punkte der Lahmlegung nicht noch 
die ganze Gegenseitigkeit entbrennen zu lassen weiß. Warum dieser 
angstvolle Respekt vor der eigenen absoluten Vollkommenheit, vor 
dem persönlichen Welt-Gott, wenn man das eigene Innere ununter 
scheidbar neutralisch mit ihm zusammenfallen lassen »soll«, 
d. h. von selber muß? Das eigene Herz, unser Innerstes beruhig 
sich nicht eher, als bis es alles in allem, °o ist. Objektiv allerdings, 
rein äußerlich angesehen, wäre dieses °c, das Weltall, für unser 
Inneres unendlich einschüchternd, ja vernichtend. Aber gerade diese 
Vernichtung enthält, als Neutralisation alles Objektiven gewürdigt, 
erlebt, erkannt, den Witz der ganzen Weltbedeutung, Indifferenz 
aller Polarität. Und natürlich ist diese Erkenntnis ein Em> 
Schluß. Aber wer das ungeheure Erlebnis seines eigenen Inneren 
uneingeschüchtert durchsetzt, wird zu diesem Entschluß, innerlichst °o 
zu sein, von selbst gezwungen. Ohne dieses deutliche Zentralerleb 
nis wird sich auch die äußere Welt niemals totalisieren, abrunden 
können. Und alle Verschiedenheiten sind, von der Entdeckung dieses 
weltidentischen Inneren, dieser absoluten Weltmitte an, nicht etwa 
weniger energisch, sondern, weil die Gefahr, daß ihr Zusammen^ 
hang jemals verloren gehen könnte, beseitigt ist, im Gegenteil noch 
viel radikaler zu entfachen. 
Das °c, das Allgemeine, das persönlich Inwendige, ist ja eigene
	        

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