Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

886 S. Triedfaender • Der Wagßafter der Weft 
Selbstbesinnung. Wer verlöre sidi leichter in eine seiner Gestalten 
als Proteus? Wer wäre bedürftiger als er, sieb des Rüdeweges in 
jedem Momente zu versichern? 
Dies zu erfahren, ist weder schwer noch leicht, sondern gleich* 
gewichtig, also gewichtlos. Man balanciere z. B. die eigene Eitelkeit, 
strenge ihre Gegengewichte, Pole, Extreme an, um das Wunder 
ihrer lebendigen Indifferenz im echten Innern zu erleben. Man schrecke 
den trüben Mittelstand auf, in dem sich diese Extreme verschielen, 
energiere den negativen Pol der Eitelkeit, ihr —oo, die monströse 
Selbstverachtung, lerne das taedium sui bis auf den geifernden Grund 
auskosten. Sodann provoziere man das Gegenteil, das + oc, die 
extreme, sich übersteigernde Selbstvergötterung. Schließlich schütze 
man die neutral erlebte Mitte reinst entschieden vor der Verzerrung 
oder Zerquetschung durch diese Pole, diese Gezeiten,* man lehre sie, 
regelmäßig mit ihnen zu atmen, und nur diese psychische Lungen* 
gymnastik erlöst alle Eitelkeit von ihren Krämpfen und Katalepsien. 
Diese reine Mitte, diese Ein* und Ausatmerin aller Differenzen ist 
allzumenschlich korrumpiert. Statt ihrer polarisierenden Permanenz 
findet sich Schwind* oder Existiersucht. Man versteht nicht nüchtern 
und besonnen in sich selbst die Angel, die Schwebe, die amphibische 
Indifferenz der Lebensregierung zu präzisieren. Man versteht sich 
nicht auf die wahre Spannweite seiner Pole, seiner Flügel, weil man 
die polarisierende Indifferenz persönlich vernachlässigt,* weil diese sich 
allzumenschlich vor sich selber verleugnet, verhehlt. Extrem gegen 
Extrem zu kontrebalancieren, ohne sich weder jenem noch diesem 
anders hinzugeben als atmend, ist erst echte Lebendigkeit. Erst von 
der allerreinsten persönlichen Indifferenz aus erlebt man diese ab* 
solute Lebendigkeit der eigenen Extremisierung,* und wie man längst 
von einer coincicfentia oppositorum gesprochen hat, so sollte man 
sich ursprünglicher auf diese disexcidentia identitatis besinnen. Diese 
reine Mitte zwischen Sterben <— <x>) gegen Werden <-f- °o> des eigenen 
Lebens darf kein »trüber Gast«, kein juste milieu, keine blindlings 
naturalisierte Allzumenschlichkeit bleiben, wenn die polare Zeitlichkeit 
vom Wunder dieser lebendig indifferenten Ewigkeit restlos durch* 
drungen werden soll. Die wahre Erhaltung der Welt des Lebens 
steht nur auf dem Spiel dieser Balance, und die Präzision dieses
	        
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