Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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S. Triedfaender • Der Wagßafter der Weft 
zierung. Im Gegenteil! Ohne diesen Sch webepunkt, diesen HebeL 
punkt, ohne bewußtestes, geflissentlichstes, besonnenstes, lebendiges 
Festhalten dieses Punktes, dieser Neutralität, wird man Interessen 
und Differenzen niemals intensivst entfalten können. Wer diesen 
Punkt bisher erlebte, fiel darauf sozusagen hinein und ließ die Welt 
Welt sein,- oder verfiel in eine somnambule dogmatische Sicherheit 
etwa wie die Großen der Geschichte. Allein dieser Punkt verlangt 
elastische Festhaltung und Loslassung in polarem Atem, darin liegt 
die Schwierigkeit seiner vernünftigen Regierung. Unsere Vernunft ist 
im Wesentlichen noch irre, daher der Schein ihrer Sinne, ihrer Sym 
bolik noch kein Wahrschein, der einer ersten und letzten Gewißheit 
entspräche. Aber alles Vollkommene ist vorhanden, bloß verrenkt. 
Also: die Privatperson, das »Ich«, das Dividuum, der einzelne 
Mensch wird... abgedankt,- die Zeit für diese Dividuen ist abge^ 
laufen, sie werden »vernichtet«,- man kennt den Witz dieser Be 
deutung. Wird es vom absoluten logischen Gehör erfaßt werden, 
daß dieser »Tod«, diese »Vernichtung« nicht die Abwesenheit, son 
dern die Voll Wesenheit des Lebens ist! Das Ich, das keine Kraft 
gebraucht, sich zu eximieren, das sich von Positio und Negatio, von 
Ja und Nein in welcher Art immer überkreuzen, beflecken, verwischen, 
vertuschen läßt, kann weder werden, noch sterben, sondern bleibt ein 
paar Jahre lang eine mehr oder minder belanglose Privatperson. Soll 
die Weltperson beginnen, so muß diese Pseudoperson sich ertöten. 
Das menschliche, seine Extreme vertuschende, kompromittierende, 
abflachende Teil-Selbst muß ertötet sein, damit das echte Weltlich 
zum »ewigen Leben« gelange. Unter Ewigkeit ist die, Vergangen 
heit gegen Zukunft, lebendig äquilibrierende, Geistesgegenwart ver 
standen, wenn die Zeit in dieser ihrer dynamischen Angel nicht mehr 
vom Menschen verrenkt wird. Persönliche Indifferenz ist die Disziplin 
der Disziplinen, das menschliche Ich ist noch gar nicht präzisiert, ist 
falsch gerichtet, ohne echte Dauer im Wechsel, weil es seine schöpfe^ 
rische Neutralität verkennt: 
»Und wer durch alle Elemente, 
Feuer, Luft, Wasser und Erde rennte, 
Der wird zuletzt sich überzeugen, 
Er sei kein Wesen ihresgleichen.« CGoetßeJ
	        

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