Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Rene Scßickefe • Ai'sse 
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Mittelgröße, jedoch auffallend breitschulterig. Haupthaar und Schnurr 
bart waren schlohweiß. Das fahle Gesicht beunruhigten kleine, 
wimmelnde Augen. Aber als ihr Blick sich auf mich legte, empfand 
ich etwas zugleich Beklemmendes und Beglückendes, eine gütige 
Schwermut, die traurig machte und doch selbst vollkommen leidlos 
schien. Vielleicht ist das der Ausdruck des tiefen Glücks, das ja 
eben so vereinsamt, wie der große Schmerz. 
Der Arzt stellte mich vor. In seinem englischen Französisch fügte 
er hinzu: 
»Herr Fremard ist ein hervorragender Beamter unserer franzö^ 
(0 
sischen Nachbarkolonie Pondichery, der auf eine mehr als dreißig^ 
jährige Dienstzeit zurückblickt. Er hat seine erkrankte Frau, übrigens 
eine bekehrte Mohammedanerin, wenn ich das erwähnen darf, hier^ 
her begleitet. Leider wird Herr Fremard uns bald verlassen. Madame 
befindet sich auf dem Weg der Besserung.« Dann ließ er mich mit 
dem Franzosen allein. 
Während ich mich auf einen Stuhl setzte, den der Franzose mir 
reichte, wobei er in reizend liebenswürdiger Weise die Unterhaltung 
begann, sah die dunkle, verwitterte Frau in den weißen Kissen uns 
reglos zu. Sie hatte jene sanften Hinduaugen, die schönsten Augen 
der Welt, die mich auf meiner Reise durch Indien begleiteten wie 
eine immer erneute Gnade, Schatten und Kühle gewordenes Feuer, 
mit einem Blick, der mühelos durch alle Dinge hindurchging, ohne 
Stoß sich umsah wie ein beständiger Wind, uralt und eben geboren 
— ein Ausdruck Gottes, ein Wunder — die seligen Augen, die 
Ewigkeit seliger Augen, die aus den uralten Liebesgesängen Indiens 
blicken, wie sie uns noch immer, auf allen Straßen dieses Landes, 
hundert^ und tausendmal begegnen, Schatten und Kühle gewordenes 
Feuer, schwarzer Diamant, den die indische Sonne flüssig erhält, 
große dunkle Tropfen Seele, die, ganz langsam, durch das blendende 
Licht fallen. Wie war das lederne, knochige Gesicht, fast schon ein 
Totenkopf, von der Schönheit der tiefliegenden, wie halb versunkenen 
Augen überschwemmt! 
»Ist Ai'sse nicht schön?!« rief der Franzose. Die Frau verstand 
offenbar seine Sprache, denn sie verzog die harten Muskeln um 
ihren Mund zu einem Lächeln, einem Lächeln, das die zahnlosen
	        

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