Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Rene' Scßicfiefe ■ A'fsse' 
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Ich hatte zwei Jahre am Rande der tollen Kirche gelebt, in der 
die Teufel Menuett tanzten, daß den armen Engeln das Entsetzen 
durch die steinernen Glieder rann und die Frommen vor dem Altai 
nicht aus ihren Gebeten aufzublicken wagten. Aber die Versuchungen 
hatten mich in meinem Winkel aufgesucht, Frauen ergriffen meine 
Hände und wollten mich in das Gedränge ziehen, wo die Wildheit 
der einen sich an der Berührung der andern entflammte, wo der 
Atem all dieser erhitzten Menschen, der Duft ihrer Blumen und 
Essenzen, die züngelnden, stachelnden Liebkosungen ihres Witzes 
und ihre tiefen Schreie eine Atmosphäre schufen, die wie eine 
glitzernde Glasglocke über ihnen stand. Die Stärke der Versuchung 
hielt mich zurück. Denn so sehr empfand ich die Gewalt des grenzen* 
losen Lustverlangens, daß ich meinte, ich müßte in wenigen Wochen 
tot oder als ein Krüppel zusammenbrechen, wenn ich dem grau** 
samen Jagdruf meiner Sinne folgte. Wie andere mit unverletzlichem, 
weil demütigem Vertrauen an Gott glauben, so stellte ich all meinen 
Mut auf die Liebe. Meine Mutter war eine reine Frau, sinnlich, 
heiter und überlegsam, die ihren Mann liebte, nicht heute, gestern 
und morgen, sondern wahrhaft in Ewigkeit. Darum konnten Ent* 
täuschung, Schmerz und manchmal recht langer Gram kommen, sie 
bückte sich mit verhaltener Innigkeit unter dem Windstoß, der vor* 
überzog, ihr Mund blieb jung und ihre Liebe ein einziger Sommer. 
Sie konnte nicht rechten, weil sie an das Geschenk ihrer Liebe keine 
Bedingungen geknüpft hatte, und sie liebte auch nicht, um dafür be* 
lohnt zu werden. Sie liebte. Das war alles. Ich war ihr einziger 
Sohn. Und wenn sie mich auch nicht fromm erhalten konnte, so 
bewahrte sie mich doch stark und gerade. 
Als ich, zweiundzwanzigjährig, nach Paris kam, stellte ich mich, 
über meine Unscheinbarkeit erfreut, belustigt und die Menschen 
nehmend, wie sie waren, aller Kamerad, ohne Furcht vor Ge* 
fahr und Verrat, unter die ein* und ausströmenden Gäste des 
Karnevals, sah alles, nahm manchmal teil und suchte gleichzeitig mit 
den Blicken, ob nicht vielleicht irgendwo eine Frau stände und ihren 
wissenden Blick ebenso schweifen ließe... Sie saß vor dem jungen 
Herrn von Richelieu, der mit strahlendem Gesicht auf sie einredete! 
Ihre eine Hand hielt die andere fest umschlungen, und ihr Blick irrte
	        

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