Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Rene Scßicßefe ■ Aisse' 
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Klosters, wo im Weihrauch die goldene Monstranz war und die 
weißen Schwestern sangen. Aber nun sterbe ich daran. Ich spüre 
es, ich fürchte sogar, daß es schnell geht. Ich magere schrecklich ab. 
Ich verzehre mich. Herr von Ferriol hat mir einmal geschrieben, 
schlimmer, als in einem Harem hätten es die Frauen in Paris auch 
nicht. Er hat vielleicht recht. Und die Frauen wollen es ja nicht 
anders. Aber ich kann nicht. Ich liehe, ehrwürdiger Vater, ich liebe 
mit ganzem Herzen, und, nein, ich kann meine Liebe nicht für Sünde 
halten. Aber das ist es nicht. Ich muß sterben, weil ich den Cheva 
lier nicht heiraten kann . . .« 
Der Priester wollte sie unterbrechen, aber Aisse fuhr schnell fort: 
»Ja, er will mich heiraten — ihn trifft keine Schuld. Sie müssen 
einsehen, daß ich ihn nicht heiraten darf. Er kann keine Sklavin 
heiraten, und ich bin eine Sklavin, eine böse, eifersüchtige Sklavin, 
die ihm nie verziehe, wenn er sie einmal nicht mehr liebte, und sich 
gleich auf der Stelle wegwürfe, um sich an ihm zu rächen. Wie sind 
sie jetzt schon hinter mir her! Oh, sie haben mich verhöhnt, als ich 
herkam, und gesagt, man sehe an meinem Gang, daß ich eine Sklavin 
sei, ich stieße mit dem Fuß ein rohes Ei vor mir her, darum schliche 
ich so. Dann haben sie alle versucht, meinen Gang nachzuahmen. 
Ich bin ihnen nicht böse, viele haben mich gestreichelt, — und im 
übrigen weiß ich sehr wohl, daß ich schöner bin, als sie, und daß 
sie neidisch sind, je älter sie werden. Und sie werden jeden Tag 
älter. Nein, ich bin ihnen nicht böse. Wer fände es nicht natürlich, 
daß sie einen Eindringling wie mich nicht gelten lassen wollen! Und 
wissen nicht alle, daß Herr von Ferriol mich auf dem Sklavenmarkt 
wie ein Tier gekauft hat, damit ich ihm nach seiner Rüdekehr wie 
ein Tier diene? Sie hätten nur gewünscht, daß ich nicht auf ihn 
wartete. Denn sie leiden, wenn sie sehen, daß jemand nicht betrogen 
wird, und was mich betrifft, so schwanken sie zwischen Abscheu 
und Zufriedenheit. Sie verabscheuen mich, weil ich tugendhaft scheine, 
sind es aber zufrieden, weil meine Dummheit, wie sie sagen, mich 
unschädlich macht. Dem Chevalier geht es nidit besser. Sie haben 
ihn nicht für sich haben können, jetzt tun sie alles, um ihn aus ihrer 
Gesellschaft zu vertreiben. Zugleich freuen sie sich, daß er mich liebt. 
Denn er ist nicht reich, ohne Protektion, und ich — mir gehört nicht
	        
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