Full text: Schall und Rauch (1 (1920), 2)

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Scftaff und TZaucft 
Von Friedrich Hollaender 
„Das neue Chanson“ 
Ein Feriensommer ist vorüber. 
Ferien - - — - , das sind im Leben eines i ^ 
Perioden, die dazu benutzt werden, den Staub des vergangenen 
Menschen 
Wi 
und Inventur zu machen. 
Ergebnis: 
D as Chanson drohte, in einer Form zu versteinen und zu ver 
krusten, die der Begriff ,,Kunst“ nicht mehr decken wollte. — Gab 
e Menschen mehr, denen es nunmehr ein Bedürfnis 
nicht 
wurde, ein Experiment zu wagen, so stand die Verödung des 
Cabarets vor der Tür. 
Es galt, die Form zu sprengen! 
Nicht, daß Gewalt und Sucht nach Neuem der bedrängten 
(Das war garnicht 
Muse 
nötig und wäre auch nicht fruchtbar gewesen.) 
Nein: die Explosion war da! 
Halt! 
SMUS 
Das Publikum soll nicht länger nur 
amüsiert werden. Es soll denken und, wenn es das nicht will, soll 
es vom Rhythmus umgerissen werden! 
Das neue Chanson ist eine Sache der Suggestion, ist die Be 
zwingung der Masse. Es gibt nur einen Namen dafür, einen leben 
spendenden Begriff: „Berliner Tempo“ (wobei wir uns klar 
sind, daß das Berliner Tempo hier in einer übersteigerten, idea 
listischen, gleichsam durch die zweite Instanz des aufnahmewilligen 
Gehirns gegangenen Form zum Ausdruck gebracht wird. Rhythmus 
Wortkraft 
Potenz wirksam!) 
O, es wird schwer sein, dieses rapidissimo zu verwirklichen, so 
zart Gedachtes, mildhämmernd Gehörtes in tonhafte Körperlichkeit 
umzusetzen. Aber wenn es gelingt ..... dann marschieren die 
Kolonnen, dann 
brüllen die unter 
irdischen Geräu 
sche der Welt 
stadt. knattern die 
in 
Automobile, 
einem Strudel im 
Bogenlicht 
und 
Wolkenkratz 
schatten. Dann ist 
das neue Chan 
son da. 
Wer 
Ohren 
hat, zu hören 
soll 
erschossen 
werden.
	        

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