Volltext: Der Ararat : Glossen, Skizzen und Notizen zur Neuen Kunst (1(1920),11/12)

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haben die Bilder und Zeichnungen von Nemes* 
Lamperth. Sein Griff hackt sich brutal, wie scharfes 
Gebiß in die Formen ein,- reißt und rafft die Flächen 
und Massen aus eruptiv geschwängertem schwarz 
und tief grünblau, aus rot und weiß aufzuckenden, 
erregten und durchrüttelten Fetzen zusammen,- preßt 
und spannt sie zur äußersten plastischen und dyna* 
mischen Verdichtung. Schwerblütige, gewaltige 
Menschenleiber lagern oder schleudern sich wuchtig 
ins Horizontale oder stehen in ruckweise aufeinander* 
getürmten Blöcken emporgereckt: triebhafte, spontan 
wachsende Monumentalität. 
Bodenstämmig und kraftvoll wölbend, doch ge 
schmeidiger und äußerst rythmiscb ist auch die Le* 
bendigkeit Stefan Szönyis. Die Bildeinheit steht 
hier noch in saftstrotzender Fühlung mit der Natur. 
Die Form schnellt und wuchert empor, ihre Schwin* 
gungen sind reich und gewagt, sie tanzt und läßt ihre 
Dynamik in verschwenderischer Lebensfreude spielen, 
oder dehnt sich in nachlässiger Ruhe, dabei heimlich 
lauernd wie ein junges, gesundes Raubtier. 
Mehely*Nagy: stark kubistisch erlebte Land* 
schäften, ruhig, gleichmäßig und tief leuchtende Flächen, 
die gedankenvolle, ernste Statik eines zeitlosen Raum* 
gefühles. Dann wieder Lithographien, Porträts und 
auch Landschaftliches, wo das Formganze sich aus 
fieberhaft pulsierenden und hämmernden, aber den* 
noch ziel* und wegbewußten Teilen blendend klar 
und rein emporhebt oder herauskristallisiert. Hier 
liegt ein Vergleich auf der Hand, der von diesem ein* 
zigen individuellen Punkte aus plötzlich die ganze, 
himmelweite Verschiedenheit von zwei Geisteswelten 
aufreißt/ von Mehely*Nagy, als künstlerischen Aus* 
druck einer objektiven, kristallharten Welt* und 
Lebensbejahung höchster. Intelligenz und Willens* 
kraft und von Kokoschka, als Gleichnis einer nur 
noch in extravaganten Zuckungen ihrer Nervensub* 
stanz lebenden Überkultur. 
Die naturdekomponierende Gestaltung Tihanyis 
nahm ihren Ausgang bei Cezanne. Tihanyi ist der 
einzige Maler jener gescheiterten Gruppe der Acht, 
dessen synthetische Bemühungen zu einwandfreien 
Ergebnissen führten. Er verschiebt und lockert die 
Formen, man fühlt die nervös tastende, aber schließ* 
lieh doch mit haarscharfer, chirurgischer Sicherheit 
zertrennende und zurechtrückende Hand eines un* 
barmherzigen Forschers — ein skeptischer und frag* 
mentarischer, aber ungemein geistreicher und über* 
legener Zug ins Negative. 
Anders der bis auf Mark und Bein positive Bela 
Uitz. Er hat immer reiche Fülle im Raum, das 
Gleichgewicht seiner Kompositionen ist vollkommen 
stabil, die Töne gesättigt und machtvoll. Die orga* 
nische Geschlossenheit der Teile und des Ganzen 
wirkt manchmal in runder Gelassenheit, ist aber sehr 
oft scharf und kantig gerafft und steigert sich dann 
zur wilden, trotzigen Monumentalität. Uitz hat 
Zeichnungen, wo das Raumgerüst in fest gestampften 
Massen schwer und breitspurig auf dem Boden lastet,- 
ein andermal stemmt sich alles steil drohend nach oben ,- 
ein dämonisch unheimlicher, etwas romantischer Zug 
von verhaltener Empörung, der auch in Porträtzeich* 
nungen erscheint. Uitz kennt auch den Pathos heroi* 
scher Kampfgebärden, doch er bleibt sich vielmehr 
treu in den Werken seiner neuesten Zeit. Hier sind 
alle Teile und Komplexe des empirisch * optischen 
Natur* und Menschenbildes aus ihrer ursprünglichen 
Fassung und Angehörigkeit heraus zu Komponenten 
einer reich gegliederten und bewegten Vision ent* 
wickelt, die vollkommene Naturüberwindung mit 
lückenloser Kompositionsgesetzlichkeit vereint. 
Zwingend, aber etwas trocken und pedant wirkt 
die Konstruktionsweise Knettys. Um so leiden* 
schaftlicher agitierend sind die Linoleumschnitte von 
Bertnyik, wo die Formen sich in krachender Em* 
pörung aufbäumen, stürzen und zerreissen. Es ist 
jedoch keine Bildanarchie dabei. Im Gegenteil. Jeder 
Formensplitter saust pfeilsicher aus dem strengen Ein* 
heitsgedanken der Komposition hervor. 
Viel loser und flüchtiger ist die psychologische aber 
noch immer nicht metaphysisch formlose, Bewegtheit 
des Linoleumwerkes von Mattis*Teutsch. Er 
und Bohacsek, der seine brustkranke Proletarier* 
existenz in demütigen und nur ganz schüchtern sehn* 
süchtigen Linien und Tönungen lyrisch und Märchen 
erlebend verklärte, sind Ausnahmen, die das allgemein 
Gesetzmäßige des ungarischen Schaffens, nämlich den 
Willen zur selbstherrlichen, monumentalen Objekti* 
vität nur erst recht bekräftigen. 
TSCHECHOSLOWAKEI. 
Die jüngste tschechische Kunst. der bildenden Kunst an die in Deutschland gut be* 
Die tschechische moderne Kunst hat in den letzten kannten sogen. »Hartnäckigen« (»Tvrdosijni«): J. Ca* 
zwei Jahren eine harte und große Arbeit bewältigt. pek, VI. Hoffmann, V. Späla und J. Zrzavy anknü* 
Literarisch an St. K. Neumann und Fr. Srämek, in pfend, haben anfangs Oktober etwa sechzehn junge
	        

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