Full text: Der Ararat : Glossen, Skizzen und Notizen zur Neuen Kunst (1(1920),11/12)

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Giovanni Giacometti-Ausstellung in der 
Kunsthalle Bern. {Katalog mit guten Reproduktionen 
und einem Vorwort von A. Loosli.) Die erste Kol» 
lektiv» Ausstellung fand vor zehn Jahren in Aarau 
statt. Man staunt, wie gleich sich dieser Künstler ge» 
blieben ist. Trotzdem wäre es falsch, hier von Stag» 
nation zu sprechen. Die letzten Bilder {»Albiga» 
gruppe« und »Malojasee«, beide 1919) sind mit der» 
selben Frische und Kraft gemalt, wie z. B. das Alpen» 
bild des Luganer Museums, Eine Reihe von Zeich» 
nungen und Holzschnitten vervollständigen das Bild 
dieses Schaffens. 
Für das Jahr 1921 isteineinter nationale Kunst 
ausstellung im Genfer Wahlgebäude angesagt. 
Zürich. R. G. 
DIE ARCHE. 
Noch einmal: Cezanne und Zola. 
I m Klee»Sonderheft des »Ararats« war ein 
Gespräch Coquiots mit Zola über Cezanne 
veröffentlicht. Als Ergänzung und Verstärk 
kung folgt nun ein {bruchstückweise wie» 
dergegebener) Dialog zwischen Ambroise 
Volfard <dem Verfasser der monumentalen 
Cezanne»Monographie) und Zola über 
Cezanne, und anschließend einige Stellen 
einer Unterredung Vollards mit Cezanne 
über Zola. {Eine vollständige Mitteilung 
dieser Unterredungen Vollards findet man 
in Heft 9/VII der »Weißen Blätter», Paul 
Cassirer, Berlin.) 
Vollard: Welche Hoffnungen setzten Sie auf 
Cezanne? 
Zola: Unsere Kameraden waren leicht geneigt, ihn 
für einen Verirrten zu halten, ich aber wurde nicht 
müde, ihnen zuzurufen: Paul ist das große Malergenie! 
Ach, wäre ich nur ein guter Prophet gewesen! 
V.: Aber Cezanne war doch ein leidenschaftlicher 
Arbeiter, und was noch mehr, er hatte dichterische 
Phantasie. 
Z.: Mein teurer großer Cezanne besaß den Funken. 
War ihm jedoch das Genie eines großen Malers eigen, 
das Talent, einer zu werden, hatte er nicht. Er verlor 
sich zu sehr in seinen Träumen, in den Träumen, die 
ihre Vollendung nicht erlangten. Nach seinen eigenen 
Worten gab er sich zu den Illusionen in Pflegschaft. 
V.: Besitzen Sie Bilder von Cezanne? 
Z.: Ich hatte sie auf dem Lande verstecht: Auf 
Mirbeau's Drängen ließ ich sie hierher zurückbringen, 
aber ich würde sie nie aufhängen. Mein Haus ist, wie 
Sie wohl wissen, ein Haus der Künstler. Sie wissen 
auch, wie streng, aber auch wie gerecht sie gegen 
einander sind. Ich möchte den Gefährten meiner Jugend 
nicht diesen Pairs ausliefern, meinen liebsten Freund. 
Die Gemälde von Cezanne sind unter dreifachen Riegel 
verschlossen, dort in jenem Schrank vor bösartigen 
Blichen geschützt. Verlangen Sie nicht von mir, daß 
ich sie hervorhole, es tut mir zu weh, wenn ich daran 
denke, was mein Freund hätte werden können, wenn 
er nur seine Phantasie zügeln und seine Form aus» 
arbeiten gewollt hätte, denn wer als Poet geboren ist, 
der muß Arbeiter werden. 
V.: Und doch, Meister, an Ihren erprobten Rat» 
Schlägen hat es ja nicht gefehlt. 
Z,: Ich habe alles getan, um meinen lieben Cezanne 
zu galvanisieren. Die Briefe, die ich ihm schrieb, haben 
mich dermaßen erschüttert, daß ich sie noch bis zum 
letzten Wort im Gedächtnis habe. Auch »L'Oeuvre« 
habe ich ihm zu Liebe geschrieben: Das Publikum be» 
geisterte sich für dieses Buch, mein Freund blieb gleich» 
gültig. Nichts kann ihn mehr aus seinen Träumen 
erwecken, er wird sich immer mehr verschließen, fern 
vom wirklichen Leben, 
Cezanne: Es war kein Zerwürfnis zwischen uns, 
ich hörte als erster auf, Zola zu besuchen. Es behagte 
mir nicht mehr bei ihm, mit den Teppichen auf dem 
Fußboden, der Dienerschaft und dem, der jetzt an 
einem Schreibtisch aus geschnitztem Holz arbeitete. 
Mir war es schließlich, als machte ich bei einem Minister 
einen Besuch. Er ist — entschuldigen Sie, Herr 
Vollard — er ist — mit Verlaub zu sagen — ein 
schmutziger Bourgeois geworden. 
V.: Ich denke, das muß unglaublich anregend ge» 
wesen sein, die Begegnungen, die man bei Zola hatte: 
Edmond de Goucourt, die Daudets, Flaubert, Guy 
de Maupassant und viele andere. 
C.: Es kamen schon viel Leute, aber das war so 
stumpfsinnig, was man da zu hören bekam. Ich wollte 
eines Tages von Baudelaire reden: Dieser Name 
interessierte niemand. 
V.: Worüber unterhielt man sich denn? 
C.: Jeder sprach von der Höhe der Auflage, in der 
er sein letztes Buch erscheinen ließ oder sein nächstes 
erscheinen zu lassen hoffte,- selbstverständlich wurde 
dabei ein bißchen gelogen. Besonders die Damen sollte 
man hören. Madame X. sagte stolz und mit einem 
geringschätzigen Blich auf Madame Z.: »Wir haben
	        
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