Full text: Antoine Pevsner, Georges Vantongerloo, Max Bill

ist, desto näher findet sich der Gedanke im Einklang mit der Methode des 
mathematischen Denkens; desto näher kommen wir dem Ur-Gefüge, und 
desto universeller wird die Kunst werden. Universeller darin, daß sie ohne 
Umschweife direkt sich ausdrückt. Daß sie direkt, ohne Umschweife emp- 
funden werden kann. 
Man wird dem entgegenhalten, das sei keine Kunst mehr. Mit dem gleichen 
Recht könnte man behaupten, eben erst das sei Kunst. Es stünde Behauptung 
gegen Behauptung. Und auf ein anderes Gebiet übertragen, würde diese Be- 
hauptung bedeuten: Nur die euklidsche Geometrie ist Geometrie und die — 
neuere — von Lobaschevsky und Riemann nicht... 
Solche neue Kunst verdankt ihr Entstehen einer Vision, die sich in einem 
Gebiet bewegt, das dem Denken zugänglich ist — das ein gewisses Maß von 
Sicherheit bietet, wie gleichermaßen Unbekanntes, Unbestimmbares; sich 
also auf einem Grenzgebiet bewegt, das es ermöglicht, neue Blickfelder zu 
öffnen und sinnlich wahrnehmbar zu machen. Der Unterschied zwischen der 
herkömmlichen Kunstauffassung und der hier vertretenen mag etwa derselbe 
sein wie jener zwischen den Gesetzen von Archimedes und der heutigen 
Astrophysik. Archimedes ist noch immer in vielen Fällen maßgebend, aber 
nicht mehr in allen. Phidias — Raffael — Seurat haben Kunstwerke ihrer 
Zeit gestaltet, mit den Mitteln ihrer Zeit. Aber die Blickfelder haben sich 
seither erweitert; die Kunst hat Gebiete erfaßt, die ihr früher verschlossen 
waren. Eines dieser Gebiete bedient sich einer mathematischen Denkweise, 
die trotz ihren rationalen Elementen viele weltanschauliche Komponenten 
enthält, die bis über die Grenzen des Unabgeklärten hinausführen. 
Max Bill
	        

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