Full text: Marianne von Werefkin 1860-1938, Ottilie W. Roederstein 1859-1937, Hans Brühlmann 1878-1911

hatte, muß vorzeitig abgebrochen werden. Aus einer neuen Internierung 
in der Anstalt St. Pirminsberg in Pfäfers oberhalb der Taminaschlucht, 
gelingt es der Gattin, den immer noch Leidenden loszubitten, um ihn in 
einem abseits liegenden Häuschen des Bergdorfes Vättis hinter dem 
Calanda in eigene und alleinige Obhut und Pflege zu nehmen. Nach vier 
Monaten kommt die Rückkehr nach Stuttgart. Sorgfältigste Behandlung 
mit neu gefundenen Gegenmitteln vermag das Leiden zeitweilig zu be- 
täuben und in seinen Wirkungen weitgehend auszuschalten, aber nicht 
sein Fortschreiten zu verhindern, und angesichts der Gewißheit baldigen 
und endgültigen Zurücksinkens in Siechtum und geistige Nacht nimmt 
Brühlmann bei klarem Bewußtsein von seinen Nächsten und vom Leben 
Abschied und überantwortet sich dem Tod aus eigenem Entschluß. 
In Wil, Pfäfers, Vättis und auch noch in Stuttgart hatten Geist und 
Hand des Künstlers nur zeitweise geruht. Die rechte Hand versagte, so 
brauchte er seit dem Unglück von 1909 ausschließlich die linke. Und wie 
befreit von der Gefahr zu leichter Geschicklichkeit spricht er damit in 
zwar herberen und oft beinah gewaltsamen Formen, doch ohne jede 
Schwächung der Klarheit und Eindringlichkeit des Bildgedankens. 
Alles was vor 1903 entstanden ist, hat der Künstler, so weit es ihm 
erreichbar wurde, vernichtet. Auch aus späterer Zeit wird immer wieder 
von Brandopfern berichtet, die er, unglücklich über seinen Ansprüchen, 
nicht genügende Leistung, in seinem Atelier-Ofen veranstaltet habe. Auch 
seien nach der glücklichen Vollendung der Pfullinger Wandbilder große 
Stapel von Studienzeichnungen und gemalten Skizzen einem Freuden- 
feuer übergeben worden. Von den früh in Privatbesitz übergegangenen 
Bildern erweisen sich manche als Uebermalungen, andere als von zwei- 
seitig bemalter Pappe abgespaltete Folien. 
Aus der Frühzeit, die nun mit 1904 beginnt, findet sich in der Aus- 
stellung «Der Hirt in Landschaft» als eines der ersten Bilder, in denen, 
hier in der Figur des Hirten versteckt, die Braut des Künstlers als Modell 
erscheint. Die «Trübe Stimmung» ist das Werk, das Adolf Hölzel bei 
seinen Gängen in den Münchner Glaspalast gesucht hat. Die Toggenburger 
Landschaft von 1907 ist als Auftrag von Theodor Reinhart entstanden und 
hat dem Künstler die erste Reise nach Paris erleichtert. 
Im Gesamtwerk lebt Brühlmann als Figurenmaler. In den Gestalten 
der Bilder, die vor dem Erscheinen Hölzels liegen, wirkt die ausdrucks- 
volle Linie, wie sie steigt, sinkt und den Umriß schließt. Um 1907 wird 
die Teilung und Belebung des ganzen Bildes reicher. In die Pfullinger 
Wandbilder mischt sich nach der Bekanntschaft mit den großen Wand- 
malern in Italien ein wenig vom Erbe Giottos und Masaceios. Das Fresko 
an der Erlöserkirche zeigt Brühlmann als Meister auf ganz eigener Spur. 
Die Skizzen und Entwürfe in der Ausstellung lassen erkennen, wie er die 
von einer Torwölbung und zwei Fenstern unsymmetrisch angeschnittene 
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