Full text: Ausstellung Oskar Kokoschka

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ihnen nachfolgt, vorerst eine Reihe sehr intensiver Bildnisse aus den Jahren 
1908 — 1910. Die bisherige Überlieferung läßt sie mit dem Trancespieler 
schon im Jahre 1906 beginnen. Dies ist nach neuen Erklärungen des Künst= 
lers und seiner Freunde unrichtig. Die Anekdote, die seine Figur schon 
jetzt, eigentlich von jeher, mit ihren Schnörkeln umspielt, meldet als Grund 
für die ehemalige frühe Ansetzung dieses und verwandter Bilder das Be= 
mühen von Freunden Kokoschkas, ihm gegenüber Ansprüchen des Malers 
Max Oppenheimer und seiner Freunde für diese Art der Bildnisauffassung 
die Priorität zu wahren. Freundschaftlicher Eifer, ihn möglichst früh über= 
haupt als Meister vor der Welt erscheinen zu lassen, mag wohl im Spiel 
gewesen sein. Genaue Nachforschungen bei den zur Mehrzahl noch leben= 
den Modellen und in Ausstellungskatalogen und =Besprechungen dürften 
ohne Schwierigkeit die sichere Feststellung der Entstehungszeiten gestatten. 
Für die Ausstellung in Zürich liegt auf alle Fälle zu dem bisher mit 1908 
datierten «Kind mit Händen von Vater und Mutter» die Erklärung des 
Vaters vor, daß das Modell im März 1909 geboren und fünfeinhalbjährig 
im September 1909 gemalt worden ist, das bisher mit der Entstehungs= 
zeit 1907 eingeführte Bildnis Adolf Loos trägt, vielleicht vom Künstler 
zur Berichtigung später aufgemalt, die Jahrzahl 1909. Auch nach Berück- 
sichtigung derartiger Korrekturen ist die Reihe noch ziemlich bunt. Es wird 
behauptet, Kokoschka sei als Maler eigentlich Dilettant, weil er nach wenig 
ergiebiger Vorbildung an der Kunstgewerbeschule das Malen auf eigene 
Faust und ganz von vorn begonnen habe. So müssen jene Arbeiten an 
den Anfang seiner Laufbahn gehören, wo er mit jedem Bild wieder neu 
anfängt, neu den Weg sucht. Er ist aber Künstler und doch nicht Dilettant, 
wenn er auch in dieser Mehrspurigkeit für uns über dem Weg überzeugend 
ein Ziel sichtbar macht und für sich eine bildmäßige Vorstellung ungetrübt 
verwirklicht. 
Eine Reihe mit sich wandelnder Form, hier fortschreitender Beruhigung 
und Festigung, ist bei den männlichen Bildnissen z. B.: Karl Kraus, Peter 
Altenberg, Professor Forel, dabei aber in seiner Art sicher der wilde Kraus 
so überzeugend durchgeführt und vollkommen gelöst wie der beherrschte 
Professor Forel und der zerfahrene Altenberg, bei den Frauen: Frau 
Dr. Franzos, Frau Hirsch, Frau Bessie Loos. Hier kann man sich tat- 
sächlich der Einsicht nicht erwehren, daß der Maler mehr als seine eigene 
malerishe Form und Sprache die für jedes einzelne Modell beste beson=
	        
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