Full text: Ausstellung Edvard Munch

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blühen, scheinbar unabhängig, aber doch nur von der aus den größten Auf 
gaben erwachsenen Kraft gespiesen und durchdrungen. 
Vor einem solchen Hintergrund heben zu allen Zeiten die Einzelwerke 
Munchs sich ab. Die Universitätsbilder sind seit einigen Jahren so gut wie 
vollendet, aber im Speisesaal einer großen norwegischen Fabrik wartet heute 
ein neuer Lebensfries auf die Ausführung und beherrscht als einzige AuL 
gäbe das ganze Denken und Schaffen des Künstlers. 
Vor einem solchen Hintergrund stehen auch die jetzt im Kunsthaus 
zur Ausstellung vereinigten Bilder. Sie lassen alle die Abhängigkeit von 
etwas Gemeinsamem, Stärkerem ahnen und erschöpfen sich, auch ganz für 
sich betrachtet, nicht als selbständige Einzelwerke im malerischen Reiz einer 
geschmackvoll aufgeteilten farbigen Fläche. Derartige Bescheidung ist ihnen 
fremd, es schwingt immer etwas Andersartiges noch mit. Daher erschöpfen 
sie vielleicht auch nicht ganz die rein malerischen Möglichkeiten bis zum 
allerletzten Rest, die Spannung, die in ihnen lebt, ist nicht einzig die 
des vollkommenen farbigen Gewebes. Alle sind Teile eines „Lebens 
frieses", in allen ist neben der optischen Leuchtkraft der Farben eine Kraft 
anderer Art die wirkliche Herrsdierin. Munch sagt unverhohlen, daß das 
Arbeiterbild aus dem Erlebnis in einem Fabrikviertel herausgewachsen sei, 
da er die dumpfe Wucht dieser Menschen und Massen gegen sich strömen 
gespürt habe,- eine Uferlandschaft nennt er nicht „Strandbild", sondern 
„Wellen gegen den Strand", und die „Schiffswerft" heißt bei ihm „das 
Schiff wird aufgehauen". Vor dem Winterbild mit den gefällten und 
geschälten gelben Stämmen sagt er: „ja, die Bäume bluten",- auf die Frage, 
ob er denn nie „absolute" Malerei getrieben und z. B. Stilleben gemacht 
hätte: „Ja, in der ,Äpfelzeit', da malte ich auch ein großes Früchtestilleben, 
sehr sorgfältig, sehr schön, so gut als irgend ein Cezanneschüler, nur stand 
dahinter eine Frau, die eben ihren Mann getötet hatte". Und doch be= 
zeichnet er seine Bildnisse und auch die meisten Landschaften und manche 
Figurenbilder auch der neuesten Zeit als impressionistisch. Sie entspringen 
aber nicht einem optischen sondern einer Art von „dynamischem" Impres 
sionismus. Die Bilder leben von der LInmittelbarkeit nicht der rein sinn^ 
liehen, sondern der „Ausdrucks"^Empfindung nach Bewegung und Kräfte 
spiel der Massen im Bilde, und der Wirkung einer aus der Darstellung 
heraus auf uns eindringenden aggressiven Energie. Die Malweise mag
	        
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