Volltext: Korrespondenz Zürcher Kunstgesellschaft, Sammlung, 01.01.1941-31.12.1942

Dr. Curt Glaser 
New York. 27 west 96th 
2, Dez, 41 
De ACYO — ANorapesde. 
Lieber Herr Dr. Wartmann, 
Sie haben nicht viel von mir gehört, nschdem wir im Februar 
iie Schweiz verlassen hatten, Eine Ansichtskarte von unserem 
5ommerasufenthalt sn der See war, glaube ich, alles, und es 
war jedenfalls unrecht, da? ich so lange Zeit vergehen 1ieß, 
she ich Ihnen einen Prief schrieb, Nur f'ir die letzten Wochen 
»in ich entschuldigt, 08 ich an einer Lungenentzi/indung krank 
lag, Noch immer bin ich an unsere Wohnung gefesselt, aher doch 
wenigstens den größten Teil des Tapes außer Rett und anch wie- 
jer an meinem Schreibtisch, 
Ich hoffe, da® Sie an dem Bilde von Munch, das Sie von mir 
zauften, such weiterhin Freude haben, und deß es als eine 
schöne Bereicherung Threr Sesemmlung emnfunden wird, Ich denke 
jaran zuriick mit dem leisen Schmerz des Rekonvaleszenten, der 
ninter vergangenes einen Strich gezogen hat und langsam die 
Kräfte wiederkommen fühlt, ärmer, ahber auch wieder frei eine 
ı1eue Zxistenz zu beginnen, In eine Wohnung, wie wir sie jetzt 
ıier haben, hoch über der Stadt, hell und lufti@m, würde sich 
ain so ensyruchsvolles Bild nicht mehr schicken, Selhst mit den 
anderen Bildern von Munch, die noch Ihre Gastfreundschaft ge- 
1ießen, nachädem sie schon einmal für die Amerikafehrt vorherei- 
tet waren, wäißte ich jetzt hier schwerlich etwas anzufangen - 
eine Anzahl elter und moderner Zeichnungen, die ich im Koffer 
mitnehmen konnte, sind gerade der rechte Schmuck fir die weißen 
Vände unserer Zimmer - und so hoffe ich, Sie werden die Rilder 
weiter für mich verwahren, Was einmal aus ihnen werden wird, 
ahne ich heut nicht. Vielleicht werde ich einmal versuchen mlis- 
sen, über das eine oder #ndere #ätätenfe 7:1 Aisnanieren, wenn es 
noch schwerer werden so’lte, als er” heut schon ist, von hier 
3us pekuniäre Verpflichtungen in der Schweiz zu erfüllen, 
Das Leben in der Schweiz, das, e1ls wir ahbreisten, ie noch 
ainigermaßen normel war, hat sich hoffentlich inzwischen nicht 
arheblich zum ärgeren verändert, Menches hären wir is auch hier 
von dortigen Freunden, sher man macht sich @nch schwer eine Vor- 
stellung, wenn men selbst in so anderen Verh“ltnissen leht wie 
wir nun 8uf der anderen Seite des groTen Wassers, wo trotz der 
täglich drohenden Nähe des Krieges kein Mensch noch sich eine 
rechte Vorstellung von der Wirklichkeit der Ereignisse zu machen 
scheint, - A ber das ist ein weites Feld - - 
Zum neuen Jahre wiinsche ich Ihnen persänlich wie Ihrem Lande 
alles beste, Mögen Sie vor allem von dem Schicksal des Krieges 
verschont bleiben. - Mit freuhdlichen Grüßen 
Ihr
	        
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