Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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dahinschwinden würde. Er hat fast niemals ländliche Arbeiter darin gefunden, sondern immer nur unangreif- 
bare Sylphen und Sdieinbilder von Nymphen, die in der Luft tanzen. 
Dies Hervorzaubern einer Phantasiewelt, über oder unter der Wirklichkeit, wie man will, hat seinen Reiz 
und daran hält sieb Corot. Er hat es in seinen sechs im Salon aufgestellten Bildern nicht aufgegeben: ein 
Nymphenreigen, ein Orpheus, die aufgehende Sonne, die Rast, eine Erinnerung an Italien und ein See. In 
der Erinnerung an Italien ruht eine nadete Frau, deren Formen, mit etwas mehr Deutlichkeit sichtbar, an 
mutig und korrekt sind. Aber welch zitternde, schwanke Schatten nur sind die Eurydike, die Nymphen 
und Najaden, die im leeren Raum der übrigen Bilder herumirren! 
Corot denkt ohne Zweifel an Claude Lorrain, den Maler der Morgenfrische, wo die Natur sich in Silber 
schleier hüllt/ der ist doch aber auch der echte Maler des Sonnenscheins gewesen. Corots Bewunderer selbst 
finden, daß er daran erinnert. Ist das nicht sonderbar? 
Zitiert nach der deutschen Übertragung von A. Sdimarsow und B. Klemm 
»Bürgers Kunstkritik« <Klinkhardt und Biermann, Leipzig 1908). 
EMIL ZOLA: MANET <Salon 1866) 
I<h habe das »Mittagessen im Grase« wiedergesehen, dieses Meisterwerk, das im Salon der Zurück 
gewiesenen ausgestellt war, und wette, daß unsere beliebten Maler uns keinen so weiten und mit Luft und 
Licht erfüllten Horizont geben können. Ja, Ihr lacht noch, weil die violetten Lüfte von Nazon euch verwöhnt 
haben. Hier ist eine wohlgebaute Natur, die euch mißfallen muß. Wir sehen hier auch weder die Gips- 
kleopatra von Geröme noch die niedlichen weiß und rosa Persönchen von Dubuffe. Wir sehen hier nur 
unglücklicherweise Personen des Alltags, die das Unrecht begangen haben, Muskeln und Knochen zu haben 
wie alle Menschen. Ich begreife eure Enttäuschung und Heiterkeit gegenüber dieser Leinwand/ man hätte 
eure Blicke mit Handschuhkastenbildern kitzeln sollen. 
Ich habe ebenfalls »Olympia« wiedergesehen, die den schweren Fehler begangen hat, vielen Frauen ähnlich 
zu sein, die ihr kennt. Und dann, nicht wahr, welch eine seltsame Neigung ist das, anders als die andern 
zu malen! Wenn wenigstens Manet die Reismehlpuderquaste Cabanels genommen und die Wangen und den 
Busen der Olympia etwas gepudert hätte, so wäre das Mädchen möglich gewesen. Es ist auch eine Katze 
auf dem Bilde, die das Publikum recht ergötzt hat. Diese Katze ist wirklich hochkomisch, und, nicht wahr, 
man müßte verrückt sein, um eine Katze in dieses Bild zu bringen. Eine Katze, stellt euch das vor, eine 
schwarze Katze, was noch mehr ist. Das ist hochkomisch! Meine armen Mitbürger, gesteht doch ein, daß 
euer »Geist« wohlfeil ist. 
GUILLEAUME APOLLINAIRE: ARCHIPENKO <1913> 
Die Kunst des jungen Russen Archipenko, der in Paris arbeitet, drängt nach unersehenem Neuen. 
Ich bin Zeuge seiner künstlerischen Anfänge gewesen. Man fand schon in seinen frühen Arbeiten diese 
plötzliche, aber sehr sanfte Änderung, die man »Änderung des Tempos <changement de vitesse)« nennen möchte. 
Archipenko konstruiert die Wirklichkeit und seine Kunst nähert sich mehr und mehr der reinen Skulptur 
<sculpture pure). 
^rchipenko besitzt die nötige Begabung für die plastische Synthese. 
Die einzigen Künstler in diesem Sinne sind unsere neuen Maler. Der Weg ist frei für eine Innenplastik, 
wo sich alle Elemente der Schönheit vereinigen werden, sowie die Sensibilität, nämlich das Auge, sie erfassen 
kann. Die kühnen Konstruktionen Archipenkos verkündigen sanft aber nachdrücklich die gewaltigen Reich- 
tümer dieser Kunst. 
Die farbigen Ausstrahlungen verbreiten sich über diese vermenschlichten Formen und durchdringen sie. 
Die Wölbungen, die ergänzenden Formen, die Richtungsunterschiede der Fläche, die unbegrenzten Grund 
lagen und Höhen, das ergibt die lebendige Konstruktion, die bildhauerische Wahrheit. 
Man denke an seine lebhaft bewegte, im grellen Lichte badende »Salome«, an seine vieldeutigen »Zwei 
Körper«, seine »Ruhe«, seinen »Roten Tanz«, wo das Leben sich leicht und doch nicht in Einzelheiten verliert. 
Abgesehen von einigen sehr bewegten und verwirrenden Skulpturen, ist die Bildhauerkunst bis jetzt nur 
eine Melodie gewesen. Die Werke Archipenkos sind Harmonie, die ersten Akkorde.
	        

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