Full text: 1914-1916 (1914-1916)

3. 
was ist Künstlerfreiheit und Künstlerschicksal? — Im Gleichnis zu leben. 
— Nenne ein Beispiel! — Hier ist eins: Soldatisch zu leben aber nicht als 
Soldat. — Aber dabei ist keine Ehre; denn Ehre hat nur die Wirklichkeit. — 
wirklich? Der große Rant jedoch war ein Krüppel, der nicht einmal zum 
Garnisonsdienst getaugt hätte, und er war der erste Moralist des deutschen 
Soldatentums. 
Ja und ja! Es gibt nur einen wirklich ehrenhaften Play heute, und es 
ist der vor dem Feind, wenn unser Herz für Deutschland im Kampfe liegt, 
— wir verstehen uns allzu gut auf jene Humanität, welche die Ehre des Leibes 
will vor der der Seele; und so mag derjenige wohl in seiner Ehre leiden, dem 
es auch heute nicht erlaubt ist, wirklich zu sein, dem es selbst diesmal verhängt 
bleibt, im Gleichnis zu leben. Doch stehe da.... 
Gute Feldpost kam an mehreren Tagen, kam aus den Argonnen, aus den 
Feldbefestigungen vor Verdun, dorther, wo die ehrenhafte Wirklichkeit, die 
wirklichste Ehre ist. Kämpfer für Deutschland, Ulanen, freiwillige Schützen, 
die ich nicht kenne, adelige und gelehrte Jugend, die stch täglich riskiert, — 
an einem Bauerntisch im Gebirgsquartier oder, die Flinte im Arm, den Rücken 
gegen den feuchten Abbang des Grabens gelehnt, schrieben ste, das Papier auf 
dem Rnie, schrieben mit Bleistift, daß sie, „vor stch den Feind und den Sieg", 
manchmal von dem miteinander sprächen, was ich gemacht, namentlich von 
dem letzten, einer Geschichte vom Tode, und daß diese ihnen „niemals näher war". 
Die ihr zu klug seid euch hinzugeben und spöttisch denen zuschaut, die es 
tun, — macht, was ihr wollt, daraus, daß ich es mitteile, lacht mich derb oder 
höhnisch aus, weil ich genügsam, sentimental oder eitel genug bin, glücklich 
darüber zu sein, — ich trotze dem, und es ist mir ganz einerlei. Ein Gebild, 
welches heute und dort besteht, vor den Augen derer, die dort draußen ein 
Leben der höchsten, wirklichsten Ehrenhaftigkeit führen, und welches ihnen „nie 
näher war", — kann es so falsch, so schmählich sein, wie viele von euch aus 
schrieen, als ich es hingab? welche Feuerprobe verlangt ihr, worin es sich 
als Affekt, als Geist, als Wahrheit bewähre? 
Es ist Kleinmut, zu glauben, der Gedanke müsse vor der Wirklichkeit in 
Unehre vergehen; es ist nichts als gemein, stch gar noch etwas zugute darauf 
zu tun, daß der Geist heute von der Wirklichkeit erdrückt und ins Nichts ver 
wiesen werde. Der Geist, ihr Händereiber, war dem Leben „niemals näher", 
als eben jetzt, — das Leben selbst sagt es, und da ihr vorgebt, es so sehr zu 
achten, nun, jo glaubt ihm! 
Ich weiß wohl, wüßte es auch ohne Gruß und Bekräftigung von dort 
her, daß mein Denken und Dichten nicht ohne Beziehungen zu den Ereignissen 
war und ist. Mein bischen Werk, sterblich und nur halbgut wie es immer 
sei, — wenn in seinen Gleichnissen etwas von dem lebendig ist, was heute 
mit einem Welt-Gassenwort „der deutsche Militarismus" heißt, so hat es 
Ehre und Wirklichkeit, so hat die Wirklichkeit von seiner Ehre und seinem Geist. 
Thomas.Mann 
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