Full text: Erstes Veilchenheft (21)

115 
den Beweis verzichten, statt dessen möchte ich bei „Schacko" auf 
den Aufbau hinweisen, auf das abstrakte Gesetz in der Komposition. 
Ich selbst habe die Geschichte des Schacko von einer Frau erzählen 
hören, Wort für Wort - die ganze Dichtung -, und habe auch 
das arme Tierche dabei gesehen. Durch das Schicksal dieser Frau 
war ich geröhrt, die ihren über alles geliebten Mann verloren hat, 
und nun dieses abscheuliche Tier, welches sie wie die Sunde haßt, 
als einzige Erinnerung an ihren Mann besitzt. Sie liebt ihren Mann 
weiter in dem gehaßten Tiere, das brachte mir den Stoff menschlich 
näher; aber es war so noch durchaus kein Kunstwerk. Zum Kunst 
werk wurde die Angelegenheit erst durch die Form: wie die 
Aussagen der Frau einander gegenübergestellt sind, wie sie sich 
wiederholen, einander ergänzen, wie sie vorwegnehmen oder be 
stätigen, wie sie in ihrer Gesamtheit zusammenstehen, um immer 
deutlicher die Liebe der Frau zu ihrem Manne, einen abstrakten 
Begriff, und ihre Verzweiflung, wiederum einen abstrakten 
Begriff, immer klarer werden zu lassen, und das ist der Inhalt 
dieser Dichtung. Sie können in dieser Weise alle meine Dichtungen 
analysieren, und Sie werden mir zugeben, daß in diesem Sinne ihre 
Form immer abstrakt ist: Aussagen sind gewertet. 
Auch in der Malerei verwende ich für die Komposition gern die 
Brocken des täglichen Abfalls, etwa wie der Schacko aufgebaut 
ist aus den Reden seiner Besitzerin. So entstanden meine Merz 
bilder, und so entstand besonders meine große Säule. - Ja, was 
ist die Säule? Sie ist zunächst nur eine von vielen, etwa von zehn. 
Sie heißt Kathedrale des erotischen Elends, oder abgekürzt 
K d e E, wir leben in der Zeit der Abkürzungen. Außerdem ist sie 
unfertig, und zwar aus Prinzip. Sie wächst etwa nach dem Prinzip 
der Großstadt, irgendwo soll wieder ein Haus gebaut werden, und 
das Bauamt muß Zusehen, daß das neue Haus nicht das ganze Stadt 
bild verpatzt. So finde ich irgend einen Gegenstand, weiß, daß er 
an die KdeE gehört, nehme ihn mit, klebe ihn an, verkleistere ihn, 
bemale ihn im Rhythmus der Gesamtwirkung, und eines Tages stellt 
es sich heraus, daß irgend eine neue Richtung geschaffen werden 
muß, die ganz oder teilweise über die Leiche des Gegenstandes 
hinweg geht. Dadurch bleiben überall Dinge, die ganz oder teil 
weise überschnitten sind, als deutliches Zeichen ihrer Entwertung als 
eigene Einheit. Durch das Wachsen der Rippen entstehen Täler, 
Vertiefungen, Grotten, die dann innerhalb des Ganzen wieder ihr 
Eigenleben führen. Indem sich kreuzende Richtungslinien durch Flächen 
miteinander verbunden werden, entstehen schraubenartig gewundene 
Formen. Das Ganze ist übergossen mit einem System von Kuben 
strengster geometrischer Form, über verbogene oder aufgelöste Formen, 
bis zur völligen Auflösung. Der Name K d e E ist nur eine Bezeichnung. 
Er trifft von Inhalt nichts oder wenig, aber dieses Los teilt er 
mit allen Bezeichnungen, z. B. ist Düsseldorf kein Dorf mehr, und 
Schopenhauer ist kein Säufer. Man könnte sagen die KdeE ist 
die Gestaltung aller Dinge, mit einigen Ausnahmen, die in meinem 
Leben der letzten sieben Jahre entweder wichtig oder unwichtig 
waren zu reiner Form; in die sich aber eine gewisse litterarische Form 
eingeschlichen hat. Sie hat 372 zu 2 zu 1 Raummeter und hatte 
einmal eine großangelegte elektrische Beleuchtung, die aber durch 
Kurzschluß im Inneren zerstört worden ist. Statt dessen stehen jetzt 
überall die Baulichter, das sind kleine Weihnachtskerzen, die beim 
Ausbau und Anstrich zum Ausleuchten der Winkel benutzt sind; sie 
gehören aber nicht eigentlich zur Komposition; wenn sie aber brennen, 
geben sie dem Ganzen den Eindruck eines unwirklichen, illuminierten 
Weihnachtsbaumes. Alle Grotten sind durch irgend welche haupt 
sächlichen Bestandteile charakterisiert. Da gibt es den Nibelungen 
hort mit dem glänzenden Schatz, den Kyffhäuser mit dem steinernen 
Tisch, die Göthegrotte mit einem Bein Göthes als Reliquie und den 
vielen fast zu Ende gedichteten Bleistiften, die versunkene Personal 
unionstadt Braunschweig - Lüneburg mit Häusern aus Weimar von 
Feininger, Persilreklame und dem von mir entworfenen Zeichen der 
Stadt Karlsruhe, die Lustmordhöhle mit dem arg verstümmelten 
Leichnam eines bedauernswerten jungen Mädchens, mit Tomaten 
gefärbt, und reichlichen Weihgeschenken, das Ruhrgebiet mit echter 
Braunkohle und echtem Gaskoks, die Kunstausstellung mit Gemälden 
und Plastiken von Michel-Angelo und mir, deren einziger Besucher 
ein Hund mit Schleppe ist, den Hundezwinger mit Abort und mit dem 
roten Hunde, die Orgel, die linksrum gedreht werden muß, damit 
sie „Stille Nacht, heilige Nacht" spielt, früher spielte sie „Ihr Kinderlein 
kommet", den 10%tigen Kriegsbeschädigten mitTochter, der keinen 
Kopf mehr hat, sich aber noch gut hält, die Monna Hausmann, 
bestehend aus einer Abbildung der Monna Lisa mit überklebtem Gesicht
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.