Full text: Der Sturm (13 (1922), 4)

I] 
allen Völkern, über alle Stände und Klassen. 
Der Tanz ist urgeschichtlich sicher kein 
erotisches Phänomen gewesen. Die Sinn 
lichkeit ist ein Urtrieb, also Reiz an sich. 
Sie bedarf also zur natürlichen Ausübung 
keiner Reizsteigerung. Der Tanz in seiner 
Bedeutung als erotisches Gleichnis ist be 
reits Abstraktion. Nur künstlerisch un 
erzogene Menschen benutzen den Tanz als 
erotisches Mittel oder erotischen Zweck. 
Tanz ist Bewegung. Bewegung Voraus 
setzung jeder künstlerischen Erscheinung. 
Gestaltete Bewegung ist Kunst. Das Be 
dürfnis zur körperlichen Bewegung ist trieb 
haft selbst in den Menschen geblieben, deren 
Augen und Ohren noch nicht für optische 
und akustische Bewegungen geöffnet sind. 
Daher herrscht das Bedürfnis nach Ge 
staltung körperlicher Bewegung vor und 
der Tanz, eben diese Gestaltung, ist ver 
breiteter als die Gestaltungen, die durch 
andere Sinnesorgane aufgenommen werden. 
Der Tanz ist daher durchaus ohne Musik 
darstellbar, gestaltbar und aufnehmbar. 
Musik zum Tanz ist bereits akustisches 
Gleichnis körperlicher Bewegungsformen. 
Die körperlichen Bewegungen wurden durch 
die musikalischen Bewegungen mechanisiert, 
wurden akademisch. Es entstand derselbe 
Grundirrtum für den Tanz wie für die _ 
Wortkunst: die Verwechslung zwischen 
Rhythmik und Metrik. Die Messung der Be 
wegungen, die Metrik, ist beschränkt, muss 
ihres Zweckes wegen so beschränkt wie 
möglich sein. Die Bewegungen selbst, die 
Rhythmen, sind unbeschränkt. Sie sind 
durch ihre räumlichen und zeitlichen Be 
ziehungen zueinander, gegeneinander und 
miteinander unendlich und unanfänglich. Je 
gemessener die Tanzbewegungen wurden, 
desto gemessener wurde die Musik. Beide 
wurden nämlich mässig. Während Kunst, 
nämlich gestaltete Bewegung, zwar nicht 
messlos, aber masslos ist. Der Tanz wurde 
nicht einfach, er wurde vereinfacht. Die 
Bewegung von dem Metrum der Musik ab 
hängig gemacht. Tanz und Tanzmusik 
wurden gebildet, statt gebildet zu werden. 
Für die Form wurde die Formel gesetzt. 
Der zweite Grundirrtum entstand: es wurde 
Form mit Formel verwechselt. 
Nun entsteht die alte Erkenntnis für das 
Wesen und das Wesentliche des Tanzes 
neu aus der Musik. Der Shimmy tanzt 
über verblühte Kulturen. Der Stepp und 
der Trott ebneten ihm den Weg. Es ist 
derselbe schwere Irrtum, anzunehmen, dass 
es sich hier um eine Mode handelt, wie 
es ein Irrtum ist, den Expressionismus für 
eine Richtung zu halfen. Den Komponisten 
in Amerika lällt nichts ein, sagten die 
Europäer. Richtiger gesagt: es fiel ihnen 
nur dasselbe ein, wie den Europäern, näm 
lich Mozart und Beethoven oder R. Wagner, 
soweit es sich um die ganz hohe Kunst 
handelt. Oder Johann Strauss, soweit es 
sich nicht um die ganz so hohe Kunst han 
delt. Plötzlich fiel den dortigen Komponisten 
zwar nicht etwas ein, aber etwas auf. Die 
Eingeborenen, zu denen sie nicht gehörten, 
machten auch sozusagen Tonkunst, wenn 
auch ohne Benutzung der europäischen 
Instrumentenindustrie und ohne Kenntnis 
der höheren Kollegenschaft. Warum sollte 
man das nicht schliesslich auch verwerten. 
Und es muss anerkannt werden, dass diese 
Verwertung von Urrhythmen ausserordent 
lich künstlerisch erfolgt ist. Der Wert eines 
Kunstwerks besteht nämlich nicht in der 
Idee, sondern in der Gestaltung. Nicht der 
Septimenakkord, nicht die Chrysantheme 
oder gar das rätselvolle Lächeln einer ge 
malten Dame machen ein Kunstwerk. So 
nüchtern es auch in der Idee wirkt, Kunst 
entsteht nur durch die Gestaltung von Ton- 
Wort- und Farbform-Beziehungen. Das 
Saxophon ist ebenso künstlerisch wie die 
Violine. Sie sind nämlich beide unkünst 
lerisch. Kunst entsteht nur durch ihre 
rhythmische und tonliche Verwendung. 
Der Shimmy wird gespielt. Der Shimmy wird 
getanzt. Und plötzlich herrscht der Shimmy 
über ganz Europa. In Deutschland mit einem 
einzigen Hindernis. Es konnte bisher intel 
lektuell nicht einwandfrei ermittelt werden, 
ob man richtiger Shimmy oder Jimmy schrei 
ben müsse. Immerhin wurde er indessen 
auch in Deutschland getanzt, wo man sich 
bisher stets durch Musikprofessoren, Kunst 
kritiker und Germanisten zu lange aufhalten 
liess. Und es ereignete sich etwas merk 
würdiges: viele Menschen fanden eine Be 
ziehung zum Tanz, den sie bisher als in 
tellektuell unzulänglich abgelehnt hatten. 
Noch mehr: Berufstänzer und Berufstänze 
rinnen konnten plötzlich im Ballsaal nicht 
tanzen. Ihre Füsse waren metrisch gefesselt. 
Sie stolperten über den Rhythmus. Die 
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