Full text: Marianne von Werefkin 1860-1938, Ottilie W. Roederstein 1859-1937, Hans Brühlmann 1878-1911

Tagen fertiggestellte Selbstbildnis mit Hut (Nr. 83). «Mit heißer Gier 
habe ich mich auf die Arbeit gestürzt im Glück, wieder in meinem Berufe 
aufgehen zu können.» Eine Reise nach Spanien begeisterte sie für Velas- 
quez, dessen Art eine Zeit lang in ihrer Malerei nachwirkte. Von 1910 an 
ging sie wieder zur Temperafarbe über und die Betonung des Zeichneri- 
schen wurde in ihren Arbeiten vorherrschend. 
Wer mit Ottilie Roederstein in Berührung kam, wurde von ihrer star- 
ken Persönlichkeit in den Bann gezogen. Aus ihrem männlichen Kopf 
blickten klare blaue Augen forschend auf die Besucher, doch rasch führten 
unbefangene Worte zum Kontakt. Durch ihr natürliches, von Grund auf 
gütiges Wesen gewann sie zahlreiche Beziehungen, die sich oft zu dauern- 
der Freundschaft gestalteten, wo ihre künstlerische Art Widerhall fand. 
Vielen jüngeren Kollegen war sie Beraterin und Förderin. Immer blieb sie 
bescheiden und bemüht, durch strenge Selbstkritik und Objektivität an 
sich zu arbeiten. Doch konnte gelegentlich ihr Künstlertemperament 
durchbrechen, wenn sie glaubte, mißverstanden oder ungerecht zurück- 
gesetzt zu sein. An der Schweiz, ihrer Geburtsheimat, hing sie von Herzen. 
Groß war deshalb ihre Freude über das Geschenk des Bürgerrechtes der 
Schweiz und der Stadt Zürich im Jahre 1902. Das engere Heim fand sie in 
der Gemeinschaft mit ihrer Freundin Dr. Winterhalter in Frankfurt a. Main 
und seit 1907 in dem in Hofheim am Taunus errichteten reizenden und gast- 
lichen Tuskulum, das uns Dr. Clara Tobler in ihrer Ottilie Roederstein zum 
70. Geburtstag gewidmeten, feinsinnigen Schrift vertraut gemacht hat. 
(Rascher & Co. A.G., Verlag, Zürich.) Als der Krieg und die darauffol- 
gende Besetzung Hofheims eine Unterbrechung der Aufträge, Verluste 
und mancherlei Entbehrungen brachten, gaben Mut und Freude an der 
Arbeit der Künstlerin nicht nach. Mehr als früher fand sie jetzt Muße, 
sich der Darstellung ihrer geliebten Blumen zuzuwenden. Auch entstan- 
den jetzt die meisten ihrer Selbstporträts. 
Wem vergönnt war, Ottilie Roederstein schaffen zu sehen, dem bleibt 
unvergeßlich, mit welchem Ernst und Feuer sie an ihre Auf gabe herantrat, 
und mit welcher Spannkraft sie das Werdende zur Vollendung führte. Ein 
Maler des letzten Jahrhunderts hat gesagt, daß jede Entfernung von der 
Natur eine Verirrung bedeute. Dieser Fehler haftet nicht an den Arbeiten 
der Ottilie Roederstein. Wir gewahren im Lebenswerk der Malerin ver- 
schiedene Wandlungen ihrer Technik, aber in allen Phasen atmen die 
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