Full text: 1914-1916 (1914-1916)

ls der Krieg ausbrach, trat alle Kunst gegenüber dem, was 
die Wirklichkeit brachte, zunächst vollkommen in den Hinter 
grund. Dann begannen die Proklamationen des betont 
nationalen Schaffens, die Proteste gegen die Ausländerei — 
und schließlich die offenen und versteckten Rufe gegen die 
neuen Versuche und Bestrebungen der letzten Jahre. 
Kriegsbilder waren das Einzige, was man gelten lassen 
wollte: das Gegenständliche triumphierte und die viel 
befehdete Darstellung schien einen Sieg auf der ganzen Linie davonzutragen. 
Sieht man näher zu, so wandelt sich das Bild ein wenig. Gewiß: alles 
greift zuerst nach Bildern vom Kriege und geht an allem andern vorüber: 
was aber gesucht wird, sind nicht Gemälde und Zeichnungen, mögen sie hundert 
mal draußen vor dem Feinde entstanden sein, — das sind vielmehr Photo 
graphien. Der oft erhobene Einwand gegen den Impressionismus, daß das, 
was er leistet, von Kamera und Kino viel besser erledigt wird, wird von dem 
gesunden Instinkt des Volkes hier ohne Worte durch die Tat bestätigt: man 
traut der mechanisch unpersönlichen Reproduktion mehr als dem Menschen, 
hält sich an die photograpische Platte und geht an den referierenden Zeich 
nungen vorüber, Nicht ganz mit Unrecht. Die Versuche, der ungeheuren Er 
scheinung dieses Krieges mit Eindruckswiedergaben beizukommen mußten ver 
sagen: der Impressionismus ist in der Tat als einer der ersten völlig Toren 
dieses Krieges auf dem Schlachtfeld geblieben. Der Geist, aus dem er geboren 
war, triumphierte noch einmal in der wundervollen Sachlichkeit, mit der draußen 
dieses Ringen organisiert war, mit der es von der Mehrzahl derer, die mit 
kämpfen, betrachtet wurde. In der technischen Präzision der Kampfmethoden 
wie des Aufmarschs stieg noch einmal der naturwissenschaftliche Geist des ver- 
fisssenen Jahrhunderts auf — weil er zugleich damit die ihm gebührende Stelle 
erhalten, aus einem Zweck wieder ein Mittel für ein Höheres, Höchstes geworden 
war. wie wenig aber dieser Geist, der hier an seinem Play Ungeheures leistete, 
zur Gestaltung dieses ungeheuren Geschehens hinreichte, wie unmöglich es war, 
mit seinen Mitteln dem wesentlichen unseres Erlebens Ausdruck zu schaffen: 
das beweisen die Kriegszeichnungen, die den Charakter der Lassirerschen „Kriegs- 
zeit" bestimmen, die Blätter von Liebermann, von Gaul und anderen Führern 
der impressionistischen Bewegung. Ihre (Qualitäten haben nichts mit dem Geistigen 
ihres Gegenstands gemeinsam als etwa die Unterschrift: man mache einmal 
den Versuch einer Titeländerung ins Unkriegerische Unpasserische und man wird 
erstaunt sein, wie mühelos das geht. Der „Eindruck" mag schon stimmen; den 
„Ausdruck" bleiben sie ohne Hilfe des Worts vollkommen schuldig. 
In eben dieser „Kriegszeit" aber finden sich auch ein paar Blätter Otts 
Hettners, vor denen man etwas wesentlich anderes erlebt. Er gibt weder 
Kriegs- noch Volksszenen, weder zerstörte Städte noch feuernde Truppen; und 
doch spürt man vor seinen Zeichnungen den Krieg, das, was wir durchlebt
	        

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